Bonner Geheimnisse – und Räuberpistolen

Dirk Koch und Klaus Wirtgen waren gefürchtete Reporter der Bonner Republik, denen “Der Spiegel” über 25 Jahre unzählige Enthüllungsgeschichten zu verdanken hatte. Meist traten sie zu zweit auf, perfekt als “Good Cop/Bad Cop”.

Dirk Koch (72), der inzwischen in Irland und Bonn lebt, hat über diese Zeit ein lesenswertes, zuweilen amüsantes Buch geschrieben, das manches Bonner Geheimnis, aber auch manche Räuberpistole enthält.

Wirtgen, der Nahbarere der beiden, ist leider viel zu früh gestorben. Ihm widmete Koch das Buch (“Der ambulante Schlachthof oder Wie man Politiker wieder das Fürchten lehrt”/Westend-Verlag).

Das Buch ist ein Heldenepos über die große Zeit des “Spiegel”, das schmerzhaft dem heutigen Magazin den Spiegel vor hält. Es ist nicht frei von Selbstgefälligkeiten des Autors.

Es lohnt sich aber trotzdem – für Zeitzeugen und politisch Hochinteressierte, die noch einmal wissen wollen, wie die “Todeschwadrone” (Graf Lambsdorff) Politiker wie Strauß, Möllemann oder auch Lambsdorff in Bedrängnis brachten oder auch ihren Sturz einleiteten. Als ehemaliger Bonner Kollege habe ich das Buch in einem Rutsch gelesen.

Und, das ist fast das Wichtigste, Koch geht mit der Recherche- und Enthüllungsfaulheit der heutigen Journalistengeneration ins Gericht. “Es wird zu wenig und zu wenig gut recherchiert”. Journalisten, die vor den Computer sitzen, statt aus dem Haus zu den Informanten zu gehen, lieber Googeln, statt in die vertraulichen Zirkel der Politik einzudringen.

Koch: “Die Norm sollte sein: Mindestens ein neuer persönlicher Kontakt pro Tag, sieben Tage die Woche, samstags und sonntags auch. Wer einen dicken Fisch fangen will, muss das Netz ausbringen, muss sich zum Angeln schon zum Fluss bequemen”.

Weil er weiß, dass viele gute Rechercheure weggespart worden sind, empfiehlt er mehr Rechercheverbünde, wie den aus “Süddeutsche”, NDR und WDR.

Einer Empfehlung Kochs aber sollte man nicht folgen: sich gemein zu machen mit den Zielen der Akteure, wenn sie den eigenen politischen Ansichten entsprechen.

Und wenn Koch klagt “Wo sind die spannenden Wiedergaben der Wortgefechte am Angela Merkels Kabinettstisch”, dann hätte er auch hinzufügen sollen, dass früher Helmut Schmidts Regierungssprecher Klaus Bölling mittwochs nach jeder Kabinettsitzung direkt ins Bonner “Spiegel”-Büro gefahren ist, um brühwarm zu berichten – natürlich nur im Sinne seines Herrn.

Das würde Angela Merkel nicht dulden und ihr Regierungssprecher nicht wagen. Heute müsste man recherchieren.

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Mehr als Fußnoten

Am Rande eines Interviews am Brahmsee hat sich Helmut Schmidt einmal die Frage gestellt, was von ihm in den Geschichtsbüchern übrig bleiben werde. “Wahrscheinlich nur Fußnoten”, meinte er selbstkritisch.

Grund für diese pessimistische Einschätzung war, dass er weder – wie Adenauer – für die Westbindung stand, noch – wie Willy Brandt – für die Ostpolitik. Zwei große historische Weichenstellungen. Bei ihm hießen die Herausforderungen Ölkrise, RAF-Terror und Nachrüstung.

Wer heute die Nachrufe liest, weiß, dass sich Schmidt umsonst Sorgen gemacht. Denn seine geschichtliche Leistung hat eine andere Dimension, die des pragmatischen Machers, der Deutschland sicher durch schwierige Zeiten geführt hat, die eines Mannes, dessen Plichterfüllung und Standhaftigkeit Vorbildcharakter behalten werden.

Das sind keine Fußnoten, sondern wichtige Kapitel im Buch der deutschen Nachkriegsgeschichte.

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Der beste Regierungssprecher

Als ich die Nachricht vom Tod Klaus Böllings hörte, erinnerte ich mich betroffen an ein Telefonat, dass wir vor wenigen Monaten noch führten. Der ehemalige Regierungssprecher Helmut Schmidts rief mich an, weil er gehört habe, dass ich ihn öffentlich gelobt hatte. Er wollte genau wissen, was ich wo gesagt hatte.

Es war bei “Markus Lanz” und es ging um die Bedeutung von Regierungssprechern. Ich sagte in der TV-Talkshow, dass Bölling meiner Meinung nach der beste und politischste Regierungssprecher der Bundesrepublik war. Und zwar auch deshalb, weil ihm Helmut Schmidt voll vertraute und ihm politische Prokura erteilt hatte. Was man von Angela Merkels Sprechern nicht sagen kann. Bölling freute und bedankte sich.

Klaus Bölling lernte ich in meiner Zeit als Bonner Korrespondent von “Welt” und Büroleiter von BILD kennen. Damals war die Journalisten-Welt noch nach links und rechts eingeteilt, was es einem wie mir, der sich nicht zuordnen lassen wollte, die Arbeit nicht leicht machte.

Damals regte sich keiner darüber auf, dass Bölling nach jeder Kabinettssitzung in die “Spiegel”-Redaktion ging, um brühwarm zu berichten. Zu dieser Zeit galt noch ein Präsidiumsbeschluss der SPD, nicht mit BILD zu sprechen. Helmut  Schmidt und Bölling als Regierungsvertreter taten es dennoch.

Im Laufe der Zeit gelang es mir, zu beiden ein Vetrauenverhältnis aufzubauen und ich wurde fair behandelt. Denn Bölling war zwar SPD-Mann, aber keiner mit ideologischen Scheuklappen. Und später kam gegenseitige Wertschätzung dazu, wozu die konstruktive Rolle, die BILD im “deutschen Herbst” spielte, beitrug.

Als Bölling mich vor einiger Zeit anrief, regte er an, dass wir uns mal wieder treffen. Dazu ist es leider nicht mehr gekommen.

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Freitag, 17. Januar 2014, 16:11 Uhr

Die falschen Doktoren in der Politik

Was treibt Menschen an, darunter viele Politiker, unbedingt einen Doktor-Titel führen zu wollen? Auch einen durch Betrug oder dubiose Auslandspromotionen erschlichenen?

Erhoffen Sie sich mit dem Dr. vor dem Namen bessere Karrierechancen, eine höhere gesellschaftliche Reputation? Hat es die Familie von ihnen verlangt oder kompensieren sie Minderwertigkeitskomplexe? Oder ist es reine Eitelkeit? Wahrscheinlich von allem etwas.

Dieser Drang lässt immer wieder Politiker extreme Risiken in Kauf nehmen. Werden sie beim unberechtigten Führen eines Doktor-Titels erwischt, wie jetzt der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, drohen das Karriereende und der gesellschaftliche Absturz. War nicht Karl Theodor zu Guttenbergs Schicksal Warnung genug? Sind das die zwei Buchstaben wert?

Der CSU-Generalsekretär hätte doch einfach seinen merkwürdigen tschechischen Doktor-Titel “PhDr.” korrekt führen oder ganz darauf verzichten können. Er wurde schon im März 2011 durch einen “Stern”-Bericht gewarnt, ohne dass er Konsequenzen daraus zog. Seiner Karriere hätte der Verzicht sicher nicht geschadet.

Weil er aber einmal damit angefangen hat, den Dr. wie eine Trophäe vor seinem Namen herzutragen, kam er am Ende aus der selbstgebauten Falle nicht mehr heraus. Jetzt steht der Karrierist als armseliger Wicht da.

Wieso trat ihm nicht der Angstschweiß auf die Stirn, als er die populistische Parole seiner Partei “Wer betrügt, der fliegt” verteidigte? Schauer sagte: “Wir haben das richtige Thema gefunden, weil die Bürgerinnen und Bürger auf unserer Seite sind”. Auf seiner zumindest nicht mehr.

Weder Helmut Schmidt noch Gerhard Schröder hatten einen Doktor-Titel und sie wurden Kanzler. Horst Seehofer hat auch keinen. Aber das ist auch ein anderer Politikertypus. Die Gegenbilder zu den Guttenbergs, Koch-Mehrins oder Scheuers dieser Welt. Sie haben sich im Leben und in der Politik mit Können und Mut nach oben durchgeboxt, waren und sind keine Karrieristen.

Sie gingen politisch ins Risiko, nicht mit angeblichen akademischen Weihen. Die sind in der Politik nicht viel wert. Da kommt es auf andere Qualitäten an.

Ein Gutes hat der Fall Scheuer. Er hat die üble CSU-Kampagne der angeblich drohenden Masseneinwanderung von Armutsflüchtlingen der Lächerlichkeit preisgegeben. Bei jedem “Wer betrügt, der fliegt” wird künftig ein homerisches Gelächter ausbrechen.

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Freitag, 29. März 2013, 17:35 Uhr

Kassandra wird nicht gewählt

Da wird die Kanzlerin aber gezittert haben, als sie am 12. März  den Wirtschaftsteil der FAZ las. “Adenauer-Enkel fordert Merkel heraus” hieß die Überschrift über einem 100-Zeilen-Artikel. Gemeint war Stephan Werhahn, Unternehmer und einer der 27 Adenauer-Enkel, der als Direktkandidat der eurokritischen “Freien Wähler” in Düsseldorf antreten w0llte.

Jetzt kann die Kanzlerin wieder beruhigt schlafen. “Werhahn kehrt reumütig zur CDU zurück”, lauteten zwei Wochen später die Überschriften.

Dieser Fall ist typisch für die beiden Parteien, die im Wahljahr versuchen, ihr Geschäft mit der diffusen Europa- und Euro-Angst der Wähler zu machen.

Die einen sind die regional erfolgreichen “Freien Wähler”, bei denen sich Ex-BDI-Präsident Olaf Henkel (“Henkel trocken”) tummelt. Die anderen sind einige Wirtschaftsprofessoren und konservative Publizisten, die schon immer alles besser gewusst haben und unter dem Namen “Alternative für Deutschland” antreten wollen. Die letzteren werden publizistisch besonders unterstützt von einer völlig überdimensionierten Berichterstattung der FAZ.

Beide Gruppierungen ziehen einerseits  – wie bei allen Parteineugründungen – Spinner, Radikale und flüchtige politische Existenzen wie den Adenauer-Enkel an, andererseits fehlen ihnen bekannte und populäre Zugpferde.  Aber die Stimmung, die den Euro-Protestparteien zugrunde liegt, ist weit verbreitet. Nicht erst seit der versuchten Teilenteignung zypriotischer Sparer wächst die Zahl der Euro-Skeptiker und -Gegner in der Bevölkerung. Es müsste eigentlich eine fruchtbaren Boden für solche Parteien geben.

Dennoch sind beide neue Parteien bei der Bundestagswahl völlig chancenlos – selbst dann, wenn sich die Euro-Krise weiter verschärfen sollte. Ein Grund dafür ist die ungebrochene Popularität Angela Merkels, die trotz erst zögerlicher und dann widersprüchlicher Euro-Rettungsversuche der Mehrzahl der Wähler immer noch das Gefühl vermittelt, bei ihr in sichereren Händen zu sein als bei anderen Parteien.

Merkel lebt von dem Paradoxon, dass sie einerseits mit ihrer Politik die Verunsicherung geschürt hat, anderseits aber als einzig verlässlicher Felsen gegen die Unsicherheit gilt. Sie ist offenbar in den Augen einer Mehrheit der Deutschen die Antwort auf die Fragen, die sie selbst provoziert hat.

Die populistische Übertreibung der beiden neuen Parteien, die entweder zurück zur D-Mark oder die Euro-Zone in gute und böse Länder teilen wollen, geht an der Grundbefindlichkeit der deutschen Wähler vorbei. Sie glauben nicht, wie zum Beispiel die “Alternative für Deutschland” behauptet, dass “die Bundesrepublik in der schwersten Krise ihrer Geschichte” sei.

Für Untergangsszenarien gibt es in der nach wie vor prosperierenden führenden europäischen Wirtschaftsmacht keine Abnehmer. Kassandra wird nicht gewählt, schon gar nicht im Land der Anti-Kassandra Merkel.

Neue Parteien haben nur dann eine Chance, wenn sie Proteststimmung und gesellschaftliche Verunsicherung mit einer positiven Alternative, mit einer Vision verbinden. Da hat Helmut Schmidt geirrt, als er Visionen zu Krankheitsbildern erklärte.

Die Grünen waren und sind nur deshalb erfolgreich, weil sie die Anti-Atomkraft-Stimmung mit dem Jahrhundert-Thema Umwelt-, Natur- und Klimaschutz verknüpften. Und die Piraten waren zumindest vorübergehend erfolgreich, weil sie den Unmut über verkrustete Hinterzimmer-Strukturen mit den Partizipationsmöglichkeiten des Internets verbanden. Das Medium Internet als Werkzeug politischer Beteiligung und Transparenz – das war zumindest eine Jahrzehnt-Idee.

Wenn man diese Visionen mit dem rudimentären Programmangebot der beiden Euro-Protestparteien vergleicht, dann ist der Unterschied augenfällig. Sie erschöpfen sich in der Beschreibung tatsächlicher und angeblicher Mißstände, ohne eine positive Alternative zu entwickeln.

Eine Auflösung der Eurozone und die Wiedereinführung der nationalen Währungen verbreitet mehr Schrecken als der derzeitige Zustand Europas und des Euro. Abschottung und Vereinzelung wären Risikomaximierung statt Risikominimierung.

Das spüren die Wähler. Deshalb sind beie Protestparteien eine Verschwendung menschlicher und finanzlieller Ressourcen.


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