Wo bleiben die Anständigen?
Es ist schon erstaunlich, wie teilnahmslos, wie tagespolitisch routiniert die sonst so kritische politische und mediale Öffentlichkeit über die jüngsten Entgleisungen von Oskar Lafontaine hinweggeht. Eine Öffentlichkeit, die sich über einen Ausrutscher der ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein (“innerer Reichsparteitag”) geradezu in einen Erregungsfuror steigern konnte.
Über Lafontaines jüngste Infamie gegenüber dem Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck dagegen wächst schon wieder das tagespolitische Gras. Dabei war die Äußerung von Lafontaine, Gauck habe “Stasi-Privilegien” genossen, selbst für einen erprobten Demagogen eine ungeheure Steigerung der Infamie. Hatte er doch gerade noch Gauck bei Anne Will als “sehr respektabel” bezeichnet. Jetzt also “Stasi-Privilegien”. Unanständiger geht es kaum gegenüber einem oppositionellen Pfarrer, grotesker auch nicht: ein führender Repräsentant einer SED-Nachfolgeorganisation und eines (leider immer noch) Schutzverbandes alter Stasi-Offiziere wirft einem Regime-Gegner “Stasi-Privilegien” vor.
Wo bleiben eigentlich die Anständigen in der Linkspartei? Wieso überlassen sie es ihrem Ex-Vorsitzenden nach wie vor, das Bild der “Linken” in der Öffentlichkeit zu prägen? Wo bleiben ein Dietmar Bartsch, eine Petra Pau, auch ein Bodo Ramelow? Teilen Sie die Infamie oder schweigen sie aus falschverstandener Parteiräson? Davon gab es bei der Vorgängerorganisation der “Linken” doch genug. Wann emanzipiert sich die “Linke” endlich von Lafontaine?
Rein machttaktisch müsste man sich eigentlich freuen, denn Lafontaine vergiftet mit seinen Äußerungen das Klima zwischen SPD und Linkspartei, lässt weitere Koalitionen in noch weitere Ferne rücken. Aber das kann nicht das entscheidende Kriterium sein, wenn es um einen Rest von Anstand in der Politik geht.









