Sonntag, 14. Oktober 2018, 17:40 Uhr

Das strategische Versagen der CSU

Der tiefe Fall der CSU offenbart ein dramatisches strategisches Versagen:

1. Edmund Stoibers Analyse stimmt, dass die Partei Probleme mit den Millionen Inlandsmigranten hat, also Wählern, die nach Bayern gezogen sind. Aber es sind selbstgemachte Probleme. Denn für diese Wähler hatte die CSU wenig im Angebot. Im Gegenteil: Kruxifix-Erlass, krachlederne Bayerntümelei und breitbeiniges Macho-Gehabe sind für jüngere urbane Wähler, insbesondere für Frauen, abschreckend.

2. Die CSU hatte fast drei Jahre lang mit enormem Druck versucht, Angela Merkel zur Abkehr von ihrer Flüchtlingspolitik zu zwingen, notfalls sogar zu stürzen. Sie erreichte zwar viele Gesetzesverschärfungen, statt sich aber dieser zu rühmen, wollte Horst Seehofer Merkel zum Offenbarungseid zwingen.

Als die CSU damit scheiterte, setzte sie ihren Konfrontationskurs dennoch mit unverminderter Schärfe fort, statt sich an die alte Devise zu halten: “If you can’t beat them, join them”. Eine entsprechender Appell des Parteivize Manfred Weber nach dem Brüsseler Gipfel zur Flüchtlingspolitik im Frühsommer (“Wir haben Europa gerockt”) verhallte ungehört.

3. Dennoch empfahl die CSU Angela Merkel zur Wiederwahl und wählte sie wieder zur Kanzlerin. Damit geriet die CSU in eine selbst aufgestellte Glaubwürdigkeitsfalle. Sie regierte mit einer Politikerin weiter, deren Flüchtlingspolitik sie vehement ablehnte. Ein Spagat, den mitzumachen konservative Wähler kaum noch bereit waren und deshalb zur AfD und zu denen Freien Wählern abwanderten.

4. Die Haltung der CSU in der Flüchtlingspolitik trieb christlich orientierte Wähler, die Grundwerte ihrer Partei verletzt sahen, zu den Grünen. Vokabeln wie “Asyltourismus” und “Anti-Abschiebe-Industrie” verstörten die vielen Flüchtlingshelfer, die es auch in der CSU gab.

5. Das CSU-Spitzenpersonal war in diesem Kurs bis zum Sommer einig.  Ministerpräsident Markus Söder trieb Innenminister und Parteichef Seehofer sogar tiefer in die Konfrontation (“Endspiel um die Glaubwürdigkeit”). Als er merkte, dass die Partei in den Umfragen immer tiefer sank, schaltete er abrupt um und ging auf landesväterlichen Kuschelkurs. Ein unglaubwürdiger Imagewechsel. Damit saß er zusätzlich in einer persönlichen Glaubwürdigkeitsfalle.

6. Die ständigen Angriffe auf Merkel zerstörten das wichtigste Gut bürgerlicher Parteien, nämlich Geschlossenheit, Vermeidung öffentlichen Streits. Keine Wählerklientel reagiert darauf so sensibel wie die der CDU/CSU.

7. Der Dauerstreit um die Flüchtlingspolitik führte zum sogenannten Agenda-Cutting, wie es normalerweise vom politischen Gegner betrieben wird. Die CSU drang mit ihren unzweifelhaften landespolitischen Erfolgen kaum mehr durch.

8. Der Streit zwischen Söder und Seehofer, wer an einer möglichen Niederlage schuld sei, gab den Wählern entgegen aller Kampfesbeteuerungen das Signal, dass die CSU die Wahl schon verloren gab.

Insgesamt eine desaströse Wahlkampfstrategie, wenn man überhaupt von Strategie sprechen kann. Franz-Josef Strauß dürfte wegen dieser strategischen Unfähigkeit seiner Epigonen im Grab rotieren.

Das wäre alles nicht schlimm, wenn die Auswirkungen nur auf Bayern beschränkt wären. Sie betreffen aber ganz Deutschland.

Der Dauerstreit und die systematische Zertrümmerung der Autorität der Kanzlerin, die wehrlos war, weil sie nicht für einen Bruch von CDU und CSU verantwortlich sein wollte, führte bei den Wählern zu massiven Zweifeln an der Handlungsfähigkeit der Bundesregierung. Und zu einem Autoritätsverlust des Staates und seiner Institutionen.

Das Wahlergebnis wird weitere Unsicherheit in die Große Koalition tragen, sie wird noch fragiler, insbesondere angesichts der dramatischen Lage der SPD. Ob es zu personellen Veränderungen in SPD und CDU kommt, ob der Große Koalition der Zusammenbruch droht, darüber wird erst das Ergebnis der hessischen Landtagswahl in 14 Tagen Aufschluss geben.

 

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Donnerstag, 11. Oktober 2018, 12:21 Uhr

Der Teufel in der CSU

Wenn ein bösartiger Feind der CSU einen teuflischen Plan ausgeheckt hätte, wie er die Partei auf 33 bis 35 Prozent schrumpfen kann, dann hätte er folgendes gemacht:

1. Er hätte permanent in der Bundesregierung, der die CSU angehört, Streit angefangen und ihn wochen- und monatelang mit großer Rechthaberei fortgesetzt. Und dabei auch einen Bruch der Großen Koalition in Kauf genommen.

2. Er hätte immer wieder Bundeskanzlerin Angela Merkel öffentlich angegriffen und versucht, sie zu stürzen, zumindest aber ihre Autorität zu zerstören.

3. Er hätte ununterbrochen über das Thema Flüchtlinge und Flüchtlingskriminalität geredet und  niemals auf die bisherigen Erfolge der Integration hingewiesen. Dadurch wäre es ihm gelungen, die gute und erfolgreiche Regierungsarbeit, die die CSU in Bayern geleistet hat, völlig in Vergessenheit geraten zu lassen.

4. Er hätte dies in einer Sprache getan, die sich kaum noch von der der AfD unterscheidet.

5. Und er hätte kurz vor der Landtagswahl in der CSU einen Streit darüber angefangen, wer an der drohenden Niederlage schuld ist.

So wäre es ihm gelungen, einen Teil der CSU-Wähler zur AfD zu treiben, und einen anderen Teil zu den Grünen.

Das Irre daran ist: genau das hat die CSU getan, genau das, worauf nur ihr ärgster Feind gekommen wäre. Und so kommt es, dass die CSU am Sonntag wahrscheinlich bei 33 bis 35 Prozent landet.

Dieser Beitrag erscheint morgen im Rahmen meiner Kolumne im “Berliner Kurier”.

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Samstag, 29. September 2018, 16:32 Uhr

BILD – Vorfeldorganisation der AfD

Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Bild-Zeitung nicht versucht, die Institutionen und Repräsentanten des Staates verächtlich zu machen und ihre Leser gegen sie aufzuhetzen.

Jüngstes Beispiel an diesem Samstag. Auf Seite 1 schreibt BILD: “Der türkische Präsident Erdogan will, dass Deutschland Journalisten als ‘Terroristen’ in die Türkei ausliefert – und bekommt dafür ein Staatsbankett beim Bundespräsidenten”. Nicht trotzdem, was legitim gewesen wäre, sondern dafür. BILD unterstellt damit Frank-Walter Steinmeier, das Bankett sei eine Belohnung für Erdogans Forderung.

Dies ist nicht nur objektiv falsch, sondern auch eine Verunglimpfung des obersten Repräsentanten des Staates. Steinmeier hat sich ebenso wie Angela Merkel während des Staatsbesuches bei jeder Gelegenheit und bei jedem Zusammentreffen mit Erdogan unmissverständlich zur Lage der Menschenrechte und der Pressefreiheit in der Türkei geäußert.

Dieses Verhalten von BILD ist kein Einzelfall. Seit Monaten bespielt BILD die politische Agenda der AfD. Fast jede Gewalttat eines Flüchtlings gegen einen Deutschen wird in BILD zur schreienden Schlagzeile. Wenn aber ein Deutscher einen Syrer ersticht, wird dies mit ein paar Zeilen auf Seite 5 abgetan.

Wenn keine Gewalttat eines Flüchtlings zu vermelden ist, konstruiert BILD immer wieder Aufmacher gegen die angeblich zu lasche Justiz, gegen den angeblich untätigen Staat und die angeblich unfähigen Politiker. Eine Kampagne, wie sie in BILD seit den Studentenunruhen der 60er Jahre nicht mehr zu beobachten war.

BILD zersetzt mit dieser Kampagne systematisch den Respekt vor den Institutionen und Repräsentanten des Staates und delegitimiert die liberale deutsche Demokratie. Die Zeitung macht sich damit freiwillig oder unfreiwillig zur Vorfeldorganisation der AfD. Ich gehe davon aus, dass zwei bis drei Prozentpunkte der AfD in den Meinungsumfragen auf das Konto von BILD gehen.

Der neue BILD-Chef Julian Reichelt hat offenbar eine Truppe von selbsternannten Kriegern um sich geschart, die glauben, sie lägen im Schützengraben und müssten nicht nur die Kanzlerin, sondern auch den liberalen Rechtsstaat sturmreif schießen.

Mir tun die anständigen Journalisten bei BILD leid, die zum Teil aus Existenzangst nicht wagen, dagegen aufzustehen oder das Blatt zu verlassen.

BILD hat trotz aller Auflagenverluste immer noch nicht nur auf Millionen Leser Einfluss, sondern auch auf Politiker, die glauben, was BILD schreibe, sei die Meinung des Volkes und sich deshalb in ihrer Politik daran orientieren. Damit verstärkt sich die negative Wirkung.

Dieser Rückfall von BILD in ein Kampagnenblatt geschieht offenbar im Einverständnis mit dem Vorstand des Verlages Axel Springer. Denn andernfalls hätte er den Chefredakteur schon abgelöst. So kann BILD ungehemmt der AfD Schützenhilfe leisten und die Achse der Bundesrepublik nach rechts  verschieben.

 

 

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Dienstag, 25. September 2018, 18:41 Uhr

Schlussphase einer Kanzlerschaft

Das Wort Merkeldämmerung ist schon häufig, geradezu inflationär gebraucht worden – und bisher hat das nie gestimmt. Jetzt aber dämmert es doch.

Zwei deutliche Anzeichen dafür gibt es innerhalb von nur zwei Tagen. Erst musste sich Angela Merkel für ihre krasse Fehleinschätzung bei der Beförderung von Hans-Georg Maaßen öffentlich entschuldigen, jetzt stürzte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion einen ihrer engsten Vertrauten, Fraktionschef Volker Kauder. Es war mehr ein Votum gegen Merkel und Kauder als ein Votum für den neuen Vorsitzenden Ralph Brinkhaus.

Die Zeichen an der Wand sprechen eine klare Sprache: Merkels Macht schwindet von Tag zu Tag. Erst hat sie die Stimmung der Wähler falsch eingeschätzt, jetzt die Stimmung in ihrer Fraktion.

“Mit vollem Herzen” hatte Merkel Kauder zur Wiederwahl empfohlen, aber das Ergebnis zeigt, ihr Herz und das der Fraktion schlagen nicht mehr im gleichen Takt. Die Bundestagsfraktion emanzipiert sich von der Kanzlerin. Und Emanzipation heißt in diesem Fall: sie kann sich nicht mehr auf ihre Gefolgschaft verlassen.

Dass auch Horst Seehofer und Alexander Dobrindt Kauder zur Wiederwahl empfohlen hatten, spielt dabei nur eine Rolle am Rand.  Aber auch Seehofer muss wie Merkel das Signal verstehen: die Abgeordneten sind die aberwitzigen Machtspiele ihrer Chefs leid. Sie wollen erfolgreich arbeiten, sie wollen, wie Ralph Brinkhaus versprochen hat, einen” Aufbruch, ein Zeichen nach draußen und an die Parteibasis”. Und für Aufbruch steht Merkel sicher nicht mehr, nur für ein “Weiter so”.

Der Haushaltsexperte Brinkhaus, der als Außenseiter gestartet war, ist kein grundsätzlicher Merkel-Gegner. Sie wird mit ihm auskommen. Aber seine Wahl ist ein klares Signal: Merkel ist in die Schlussphase ihrer Kanzlerschaft eingetreten.

Wann es wirklich zu Ende geht, weiß keiner, sicher nicht morgen, aber es wird vor 2021 passieren. Entweder selbstbestimmt, wenn sie ihre Lage realistisch einschätzt, oder fremdbestimmt, wenn sie in den nächsten Monaten oder den nächsten zwei Jahren zum Rücktritt gezwungen wird.

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Dienstag, 18. September 2018, 17:30 Uhr

Absurde Lösung

Der US-Autor Laurence J. Peter hätte seine helle Freude an den Vorgängen in Berlin. Wieder einmal wurde sein Peter-Prinzip bestätigt, wonach diejenigen in einer Hierarchie, die die Stufe der Inkompetenz erreicht haben, entweder seitlich versetzt oder nach oben wegbefördert werden.

Hans-Georg Maaßen mag für sein Amt als Verfassungsschutzpräsident fachlich kompetent gewesen sein, nicht aber politisch. Er hat rechten Verschwörungstheorien Vorschub geleistet, als er ohne Beweise und ungeprüft wilde Behauptungen über die Vorfälle in Chemnitz aufgestellt hat. Er hat sich öffentlich gegen die Kanzlerin gestellt und unziemlich mit der AfD gekungelt. Dies wurde jetzt mit der Beförderung zum Staatssekretär belohnt – ein Gehaltssprung um 2.400 Euro.

Eine solch absurde Lösung ist nur in einer völlig zerrütteten Regierungskoalition möglich, in der jeder jeden blockiert, in der es deshalb keine klaren Lösungen mehr geben kann. Eine geschwächte Kanzlerin kann und will Maaßen und, im Falle der Weigerung des Innenministers, auch Horst Seehofer nicht entlassen, weil sonst die Koalition platzen würde. Und sie kann die Forderung der SPD, Maaßen abzulösen, auch nicht abschlagen, weil sonst ebenfalls die Regierung am Ende wäre.

Und so kommt es, dass ein Mann, der sich für sein Amt disqualifiziert hat, nach oben wegbefördert wird.  Für die SPD ein Sieg mit einem bitteren Beigeschmack, für Angela Merkel ein neuer Beweis ihres Autoritätsverfalls. Nur Seehofer und Maaßen können sich ins Fäustchen lachen. Die Große Koalition hat das Verfallsdatum überschritten.