Karriere einer Idee

Im Herbst saß ich mit dem Arzt meines Vertrauens zusammen und – wie immer – diskutierten wir auch über die aktuelle Politik, natürlich über die Flüchtlingskrise. Er sagte, man müsse den Menschen in Deutschland die größte Angst nehmen, die Angst vor dem sozialen Abstieg. Der Staat müsse eine Art Besitzstandsgarantie abgeben.

Mir leuchtete das ein und im Dezember bei Günther Jauch testete ich die Idee. Ich forderte eine “Sozialgarantie”, die Angela Merkel und Sigmar Gabriel – so wie Merkel und Steinbrück in der Finanzkrise für die Spareinlagen – öffentlich abgeben sollten. Dass Renten, Hartz IV, Wohngeld, Kindergeld usw. trotz der Kosten für die Flüchtlinge nicht angetastet würden.

Es gab Beifall, so richtig aber zündete die Idee nicht.

Im Januar saß ich bei Maybrit Illner neben der Vorsitzenden der “Linken”, Katja Kipping, und forderte noch einmal eine Sozialgarantie – allerdings ohne Details.

Nach der Sendung sprach ich mit ihr und sagte, vieles von dem, was sie fordere, sei gar nicht so unvernünftig. Was mich aber wirklich störe, sei, dass bei ihr in jeder Diskussion die Nadel immer wieder in dieselbe Rille der Schallplatte falle – Millionärssteuer, Waffenexporte. Sie antwortete sinngemäß, das müsse sie für ihre Leute tun.

Sie solle doch besser einmal die Idee mit der Sozialgarantie aufgreifen. Katja Kipping fand sie gut. Wie gut, erlebte ich bei der jüngsten Sendung von “hart aber fair”. Katja Kipping verlangte eine Sozialgarantie, öffentlich versprochen von Merkel und Gabriel.

So bin ich 14 Jahre nach Stoiber auch noch zum Berater der Linkspartei geworden.

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Dienstag, 23. Februar 2016, 08:42 Uhr

Panik im Wahlkampf

Panik ist in Wahlkämpfen immer ein schlechter Ratgeber. Panikgetrieben ist aber die gemeinsame Aktion der beiden CDU-Spitzenkandidaten in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, Julia Klöckner und Guido Wolf.

Offenbar haben ihnen die Wahlforscher signalisiert, dass ihre sicher geglaubte relative Mehrheit schwindet. Ihre Konsequenz daraus:  sie stellen sich offen gegen den Kurs der Kanzlerin in der Flüchtlingspolitik.

Ihre halsbrecherische Aktion könnte aber genau das eintreten lassen, wofür sie sich fürchten und was sie abwenden wollen. Denn das Kalkül ist falsch. Warum soll ein Wähler, der sich aus Überzeugung oder Protest für die AfD entscheiden will, von seinem Vorhaben wieder abrücken?

Für diese Wähler ist nur wichtig, was die Kanzlerin tut. Und Angela Merkel bewegt sich nicht. Landespolitiker spielen dabei keine Rolle – außer, sie setzen sich durch. Ihr Verhalten gilt bei diesem Wählertyp als reine Taktik – unglaubwürdig und wirkungslos. Da bleibt man lieber beim Original.

Das einzige Ergebnis ist offener Streit auf der CDU-Bühne – eine bei ehemaligen oder heutigen  CDU-Sympathisanten besonders unbeliebte Art der Wahlkampfführung.

Es könnte also sein, dass Julia Klöckner und Guido Wolf ihrer Kampagne selbst den Todesstoß versetzt haben. Eine Chance für Malu Dreyer, besonders aber für Winfried Kretschmann.

Klöckner und Wolf sind ohnehin ein merkwürdiges Gespann. Sie ein bisschen zu clever, er ein bisschen zu einfältig. Sie der Typ “Die nächste Kanzlerin bitte”, er der Typ “Der Nächste bitte”. Am Ende könnte das für beide gelten.

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Sonntag, 21. Februar 2016, 16:05 Uhr

SPD droht am 13. März ein Desaster

Man muss kein Prophet sein, um ein Ergebnis der Landtagswahlen am 13. März vorherzusagen: es wird ein Desaster für die SPD.

In Rheinland-Pfalz wird sie dramatisch verlieren und die Regierungsverantwortung an die CDU abgeben müssen. In Sachsen-Anhalt wird sie möglicherweise hinter der AfD landen. Und in Baden-Württemberg drohen auf ohnehin niedrigem Niveau hohe Verluste.

Wie konnte es so weit kommen? Immerhin haben die Sozialdemokraten in der Großen Koalition doch viel durchgesetzt – vom Mindestlohn bis zur Mietpreisbremse. Aber das wird von den Wählern nicht honoriert, weil ein anderes Thema alles überlagert – die Flüchtlingskrise. Und in dieser macht die SPD eine jämmerliche Figur. Merkels Politik kann man kritisieren, aber sie hat zumindest eine Haltung.

Und die SPD? Sie blinkt mit ihrem Vorsitzenden Sigmar Gabriel mal rechts, mal links. Mal sitzt er bei Gesprächen mit der Pegida dabei, mal nennt er sie ” Pack”.  Mal greift er die Kanzlerin an (“Es reicht nicht, ein freundliches Gesicht zu zeigen”), mal blockiert er das Asylpaket II, um dann nach endlosen Debatten doch einzuknicken.

Das ist das Hauptproblem der SPD. Sie hat keine klare, identifizierbare Haltung. Das Gesicht des Zickzackkurses ist ihr Vorsitzender Sigmar Gabriel. Warum sollen sich die Wähler für eine Partei entscheiden, die  selbst nicht weiß, was sie will?

Hinzu kommt, dass die Spitzenkandidaten nicht überzeugen. In Rheinland-Pfalz ließ sich Malu Dreyer von Julia Klöckner überrollen, in Baden-Württemberg tritt die SPD mit einem farblosen Technokraten an, und in Sachsen-Anhalt ist nicht einmal die SPD von ihrer weitgehend unbekannte Spitzenfrau überzeugt.

Das kann nur im Desaster enden. Einer wird im Zentrum der Kritik stehen: Sigmar Gabriel. Seine Dämmerung könnte schneller kommen als die der Kanzlerin.

Dieser Beitrag erschien im Rahmen meiner Kolumne im “Berliner Kurier”.

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Mittwoch, 10. Februar 2016, 14:44 Uhr

Seehofers Länderkunde

Kaum ist Horst Seehofer von seiner Reise zu Wladimir Putin zurück, entdeckt er einen Unrechtsstaat.

Es ist aber, so viel sei schon mal festgestellt, nicht Russland. Für dessen Politik zeigt er großes Verständnis. Russland sei ein Land mit dem man reden muss, das unter den westlichen Sanktionen leidet, die eigentlich – so Seehofer – noch nie etwas bewirkt haben.

Russland ist ein Land, in dem – im Gegensatz zu Deutschland – der Riesenstaatsmann Seehofer noch geschätzt und hofiert wird. “Sie haben eine Heldentat vollbracht”, schwärmte Moskaus Bürgermeister.

Es ist in Land, das ein anderes Land überfallen und einen Teil annektiert hat. Ein Land, das gerade mit seinen Bombenangriffen in Syrien zehntausende von Menschen in die Flucht treibt, die anschließend aber  verständlicherweise nicht nach Russland, sondern nach Deutschland wollen. Wo sie Seehofer aber nicht haben will.

Und ein Land, in dem die Staatsmacht die Gerichtsurteile diktiert, in dem die Opposition verfolgt und die Presse drangsaliert wird. Im klassischen Sinn also ein Unrechtsstaat.

Der Unrechtsstaat aber, den Seehofer entdeckt hat,  liegt im Herzen Europas, mitten in der EU. Es ist Deutschland, dem er die “Herrschaft des Unrechts” unterstellt. Ein Land, in dem seine CSU der Regierung (noch) angehört, obwohl sie seiner Meinung nach den Unrechtsstaat durch ihre Politik geschaffen hat.

Ein Land, dessen Regierungschefin Seehofer keine “noble” Haltung in der Flüchtlingsfrage attestiert, wie er sie Putin bescheinigt hat. Demselben Putin, der gerade mit seinen staatlichen Medien ein erfundene Vergewaltigungsgeschichte nutzt, um Russlanddeutsche gegen die deutsche Regierung aufzuhetzen.

Ein Land, in dem die Kanzlerin von Seehofer öffentlich geschulmeistert und gedemütigt wird, und nicht umarmt – wie Putin von Seehofers Vorvorgänger Edmund Stoiber.

Seehofer hat intern die Befürchtung geäußert, Angela Merkel wolle ein “anderes Land”. Welches aber ist sein Land? Jetzt wissen wir schon ein bisschen mehr. Das ist zum Fürchten.

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Mittwoch, 27. Januar 2016, 16:39 Uhr

Schicksalsmonat März

Die Kanzlerin erhält in letzter Zeit viel Post. Erst ein Brief von 44 CDU-Abgeordneten, dann einen Schreiben der CSU und schließlich noch einen Brief junger SPD-Abgeordneter. Beantworten wird sie keinen, denn Merkel antwortet grundsätzlich nicht auf Briefe, deren Inhalt oder Wortlaut vor Eingang bekannt wird.

Die Briefe sollen Merkel unter Druck setzen, entweder ihre Flüchtlingspolitik zu ändern oder auch nicht. In der Sache führen sie nicht weiter, aber sie zeigen: die Situation der Kanzlerin und der deutschen Flüchtlingspolitik spitzen sich dramatisch zu.

Es läuft alles darauf hinaus, dass der März für Europa, für Deutschland, für die Große Koalition und ihre Akteure zum Schicksalsmonat wird.

Im März ist der zweite EU-Gipfel, im März sind die drei Landtagswahlen. Spätestens danach fallen die Entscheidungen.

Szenario 1: Die Landtagswahlen gehen für CDU und SPD krachend verloren und die EU-Gipfel im Februar und März führen zu keinem Ergebnis. Dann muss sich Merkel entscheiden, ob sie ihren Kurs ändert, was ohne Glaubwürdigkeitsverlust kaum möglich ist.

Sie müsste alles einkassieren, was sie bisher gesagt hat – von “Wir schaffen das”, bis zu “Das Ayslrecht kennt keine Obergrenze” und bis zu ihrem Satz, dass ein Land, in dem man sich für ein freundliches Gesicht entschuldigen muss, nicht mehr ihr Land sei. Und sie müsste – als politische Erbin von Adenauer und Kohl – zusehen, wie die EU in eine Existenzkrise schlittert.

Szenario 2: Sie beharrt trotz allem auf offenen Grenzen und ihrer Willkommenskultur und lehnt eine Obergrenze ab, dann muss sie um ihr Amt fürchten. Die CSU müsste in diesem Fall springen und ihre Verfassungsklage gegen die Politik der Bundesregierung einreichen, was gleichbedeutend mit einer Aufkündigung der Koalition wäre. In der CDU käme es möglicherweise zum Aufstand. Merkel müsste im Bundestag die Vertrauensfrage stellen. Ausgang in diesem Fall offen. Oder sie wirft hin, weil das nicht mehr “mein Land” ist.

In beiden Fällen wäre die Große Koalition in einer kaum beherrschbaren Krise. Denn Merkel hätte es zudem mit einem schwer beschädigten Partner Sigmar Gabriel zu tun, der nach dem zu erwartenden Wahldesaster für die SPD selbst um sein Amt fürchten muss. Zu oft hat er links und rechts gleichzeitig geblinkt, seine Partei ist von ihm schon heute bitter enttäuscht und in der Sache zerrissen.

Auf jeden Fall sieht Deutschland Ende März anders aus als heute.


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