Donnerstag, 06. Februar 2014, 12:23 Uhr

Die Gesetze bajuwarischer Politik

Erfahrene Ethnologen kann nicht überraschen, was sich derzeit in Bayern rund um die Energiewende abspielt. Denn sie kennen die vier Gesetze der bajuwarischen Stämme und der bayerischen Politik:

1. Mia san mia.

2. Erst kommt Bayern, dann wieder Bayern, dann lange nichts, und dann erst Deutschland.

3. Für eine bayerische Staatspartei, für die sich die CSU hält, ist das Wahlergebnis in Kulmbach allemal wichtiger als solche Kinkerlitzchen wie Atomausstieg oder Energiewende.

4. Was schert mich mein Geschwätz von gestern. Das ist allerdings eine von Bayern übernommene alte rheinische Volksweisheit, erstmals für die Politik formuliert von Konrad Adenauer.

Und deshalb ist es nicht überraschend, dass der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer vor den Kommunalwahlen all das in Frage stellt, was er in Berlin mitbeschlossen hat. Er ist gegen Windkrafträder, gegen neue Stromtrassen und sogar gegen Pumpspeicherkraftwerke. Also gegen alles, was Wähler vor Ort für nicht notwendig halten, was aber notwendig ist, um den Atomausstieg tatsächlich bis 2022 hinzubekommen. Was ohnehon schon sehr ambitioniert ist.

Das St-Florians-Prinzip greift in Bayern voll: Verschon’ mein Haus, zünd’ andere an. Horst Seehofer nennt seine Abkehr von der Energiewende ein Moratorium, weil angeblich neue Fakten aus Berlin  abzuerwarten seien und sowieso alles noch völlig unklar sei. Unklar allerdings ist nur die Politik Seehofers.

Da aber auch bayerische Bürger und die bayerische Wirtschaft Strom von außerhalb der Landesgrenzen brauchen, kann man vorhersagen, dass das sogenannte Moratorium nur bis 16. März , dem Tag der Kommunalwahlen, gilt. Dann greift wieder das 4. Gesetz: Was schert mich mein Geschwätz von gestern.

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Freitag, 17. Januar 2014, 16:11 Uhr

Die falschen Doktoren in der Politik

Was treibt Menschen an, darunter viele Politiker, unbedingt einen Doktor-Titel führen zu wollen? Auch einen durch Betrug oder dubiose Auslandspromotionen erschlichenen?

Erhoffen Sie sich mit dem Dr. vor dem Namen bessere Karrierechancen, eine höhere gesellschaftliche Reputation? Hat es die Familie von ihnen verlangt oder kompensieren sie Minderwertigkeitskomplexe? Oder ist es reine Eitelkeit? Wahrscheinlich von allem etwas.

Dieser Drang lässt immer wieder Politiker extreme Risiken in Kauf nehmen. Werden sie beim unberechtigten Führen eines Doktor-Titels erwischt, wie jetzt der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, drohen das Karriereende und der gesellschaftliche Absturz. War nicht Karl Theodor zu Guttenbergs Schicksal Warnung genug? Sind das die zwei Buchstaben wert?

Der CSU-Generalsekretär hätte doch einfach seinen merkwürdigen tschechischen Doktor-Titel “PhDr.” korrekt führen oder ganz darauf verzichten können. Er wurde schon im März 2011 durch einen “Stern”-Bericht gewarnt, ohne dass er Konsequenzen daraus zog. Seiner Karriere hätte der Verzicht sicher nicht geschadet.

Weil er aber einmal damit angefangen hat, den Dr. wie eine Trophäe vor seinem Namen herzutragen, kam er am Ende aus der selbstgebauten Falle nicht mehr heraus. Jetzt steht der Karrierist als armseliger Wicht da.

Wieso trat ihm nicht der Angstschweiß auf die Stirn, als er die populistische Parole seiner Partei “Wer betrügt, der fliegt” verteidigte? Schauer sagte: “Wir haben das richtige Thema gefunden, weil die Bürgerinnen und Bürger auf unserer Seite sind”. Auf seiner zumindest nicht mehr.

Weder Helmut Schmidt noch Gerhard Schröder hatten einen Doktor-Titel und sie wurden Kanzler. Horst Seehofer hat auch keinen. Aber das ist auch ein anderer Politikertypus. Die Gegenbilder zu den Guttenbergs, Koch-Mehrins oder Scheuers dieser Welt. Sie haben sich im Leben und in der Politik mit Können und Mut nach oben durchgeboxt, waren und sind keine Karrieristen.

Sie gingen politisch ins Risiko, nicht mit angeblichen akademischen Weihen. Die sind in der Politik nicht viel wert. Da kommt es auf andere Qualitäten an.

Ein Gutes hat der Fall Scheuer. Er hat die üble CSU-Kampagne der angeblich drohenden Masseneinwanderung von Armutsflüchtlingen der Lächerlichkeit preisgegeben. Bei jedem “Wer betrügt, der fliegt” wird künftig ein homerisches Gelächter ausbrechen.

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Freitag, 27. Dezember 2013, 13:26 Uhr

Wie gerecht ist die Große Koalition?

Friedlich geht das Jahr innenpolitisch zu Ende, aber einiges deutet darauf hin, dass das kommende Jahr für die Große Koalition weniger friedlich verlaufen wird. Grund dafür ist der in entscheidenden Punkten schlecht ausgehandelte Koalitionsvertrag. Es geht um die zwei heiligsten Kühe der SPD: den Mindestlohn und die Rente mit 63.

Das erste Scharmützel über die Interpretation des Vertrages lieferten sich Horst Seehofer und die neue Arbeitsministerin Andrea Nahles. Der CSU-Chef ist wie auch die CDU der Meinung, der vereinbarte gesetzliche Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro könne nicht für Praktikanten und Rentner gelten. Andrea Nahles widersprach heftig und erklärte, beim Mindestlohn könne es keine Ausnahmen geben.

In der Sache hat der CSU-Chef recht. Die SPD hat als Begründung für den Mindestlohn immer gesagt, wer Vollzeit arbeite, müsse auch davon leben können. Richtig, aber gilt das auch für Rentner, die sich etwas hinzuverdienen? Und sollen Praktikanten wirklich 1.300 Euro im Monat bekommen? Ist es gerecht, wenn junge Leute, die erst einmal in einen Beruf hineinschnuppern, so viel verdienen wie Menschen, die eine Berufsausbildung haben, Vollzeit arbeiten und davon leben müssen?

Sollte das so kommen, wird es bald keine Praktikanten mehr geben. Zwischen ausbeuterischem Nulltarif für Praktikanten und Mindestlohn muss es einen Mittelweg geben.

Auch der nächste Streit in der Großen Koalition ist schon programmiert. Ursprünglich sollten, so die SPD, besonders schwer arbeitende Menschen nach 45 Beitragsjahren mit 63 ohne Abschläge in Rente gehen können. Steinmetze zum Beispiel. Inzwischen steht fest, dass jeder zweite Mann davon profitieren würde, denn diese Regelung soll – so die Interpretation der SPD – auch für Menschen gelten, die mehr als fünf Jahre arbeitslos waren. Alles Steinmetze?

Die Rente mit 67 war notwendig und wurde vom ehemaligen SPD-Chef Franz Müntefering unter Schmerzen durchgesetzt. Soll das vergeblich gewesen sein? Und bezahlen müssen es die jungen Leute, denen demnächst Beitragserhöhungen drohen. Ist das gerecht?

Viel Zündstoff für die Große Koalition. Es wird Zeit, dass das Gerechtigkeitsthema in vernünftigere Hände kommt.

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Donnerstag, 07. November 2013, 13:02 Uhr

Wie man es nicht macht

Eine schwäbische Hausfrau hätte das so gemacht: Sie hätte zuerst in ihr Portemonnaie geschaut, ihr Geld gezählt, überlegt, was sie unbedingt für den Haushalt braucht und was dann noch übrig bleibt, um sich etwas außer der Reihe zu gönnen. Aber die schwäbische Hausfrau ist an den schwarz-roten Koalitionsverhandlungen leider nicht beteiligt.

Deshalb läuft es in Berlin andersherum. Zuerst wird aufgeschrieben, was man sich alles Teures gönnen will, dann ist man über seine ungehemmte Ausgabenlust völlig erstaunt und muss schauen, ob man sich das überhaupt leisten kann.

Ein merkwürdiges Verfahren, das bei der letzten schwarz-gelben Koalition dazu geführt hatte, dass alles unter Finanzierungsvorbehalt gestellt wurde, womit der Keim für ihr Scheitern im Koalitionsvertrag eingepflanzt wurde.

Schade, dass Sigmar Gabriel und die ehemalige schwäbische Hausfrau Angela Merkel daraus so wenig gelernt haben. Jetzt geistert jeden Tag eine neue Wohltat durch die Blätter und am Ende muss ein großer Teil davon wieder eingesammelt werden. Was zum Verdruss der freudig beglückten Wähler führt.

Das Verfahren hat einen zweiten Nachteil: wer erst die Ausgaben formuliert, neigt am Ende zum Schuldenmachen oder, wenn dies per Schuldenbremse verboten ist, dazu, die Kosten den Beitragszahlern und Autofahrern aufzubürden und das einstmals gegebene Versprechen, Schulden abzubauen, gleich ganz zu vergessen.

Diesem Anfang der Großen Koalition wohnt bisher kein Zauber inne. Horst Seehofer hat das Stichwort schon gegeben. Bisher ist es eine Wünsch-Dir-Was-Koalition.

Und noch eine zweite Botschaft enthalten die bisherigen Verhandlungen. Innenminister Hans-Peter Friedrich ist für sein Amt endgültig diskreditiert.

Der Superverharmloser des NSA-Skandals und Erfinder des – nicht existierenden – “Supergrundrechtes Sicherheit” musste seinen Vorschlag zurückziehen, auch in Deutschland weiter an der Überwachungsschraube zu drehen. Die LKW-Maut-Kontrollen zur Autofahrer-Überwachung einzusetzen – das war selbst CSU-Chef Horst Seehofer zu viel.

Friedrich hat einfach nicht kapiert, dass mehr Überwachung nicht mehr in die Zeit passt. Eine relevante Zahl der Bürger, wenn offenbar auch nicht die Mehrheit, hat seit dem NSA-Skandal davon die Nase voll.

Bisher lernt der interessierte Bürger aus den Koalitionsverhandlungen nur eines: Wie man es nicht macht.

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Dienstag, 24. September 2013, 17:40 Uhr

Gesunde Schadenfreude

Wer zu gesunder, befreiender und reinigender Schadenfreude fähig ist, der hat innerhalb von drei Tagen schon zum zweiten Mal einen Anlass dafür. Der erste war das Verschwinden der FDP aus dem Bundestag – einer Partei, die sich systematisch selbst zu Grunde gewirtschaftet hat. Und die als reine Klientelpartei von Wirtschafts- und Berufsgruppeninteressen mit der liberalen Gesinnung ihrer großen Vorbilder nichts mehr zu tun hatte.

Der zweite Anlass ist der Rücktritt von Jürgen Trittin. Das Verschwinden dieses Politikertypus aus der ersten Reihe der Grünen ist ein Gewinn für die demokratische Kultur. Trittin, der unverschämte  Besserwisser mit dem arrogant-erhobenem Zeigefinger. Trittin, der Mann, der seine Partei mit seinem linken Steuererhöhungs-Programm schwer geschadet und von ihren Öko-Wurzeln abgeschnitten hat. Und der (mit anderen) seine Partei zur nervigen Bevormundungspartei gemacht hat.

Jetzt aber genug der Schadenfreude. Denn beide Parteien könnten noch gebraucht werden. Die FDP, wenn sie sich auf ihre Bürgerrechtstradtion besinnt und wenn sie endlich anfängt, die soziale Marktwirtschaft auch gegen hemmungslosen Kapitalismus zu verteidigen. Wie tief die FDP gesunken war, zeigte ihr Wegducken beim NSA-Skandal.  Zuvor schon die Mehrwertsteuersenkung für Hoteliers.

Die Grünen werden weiter gebraucht als ökologisches Gewissen der deutschen Politik. Sie müssen ihre Kernkompetenzen Umwelt-, Natur- und Tierschutz und erneuerbare Energie wieder in den Mittelpunkt rücken, statt sich mit SPD und “Linken” einen Überbietungswettbewerb um Steuererhöhungen und Mindestlohn zu liefern.

Beiden Parteien haben jetzt die Chance zur Erneuerung. Christian Lindner bei der FDP fängt schon damit an, indem er seine Partei an Gerhart Baum erinnert. Bei den Grünen dauert es noch. Aber Cem Özdemir und auch Katrin Göring-Eckardt könnten den Wertkonservatismus für die Grünen wiederentdecken. Eine Haltung, mit der Winfried Kretschmann Ministerpräsident wurde. Eine Haltung, die auch Brücken zur CDU bauen könnte.

Wenn dem Abgang von Trittin auch eine politische Neubestimmung folgt, dann ist das Spiel für die große Koalition noch nicht ganz gelaufen. Obwohl sie nach wie vor die wahrscheinlichere Lösung ist. Denn der Graben, den Trittin und andere zur CDU aufgerissen haben, scheint immer noch unüberwindbar tief. Und auch Horst Seehofer gräbt eifrig mit.


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