Freitag, 14. Februar 2014, 17:51 Uhr

Auf dem Weg zur Bananenrepublik?

Die letzte Verteidigungslinie von Innenminister Hans-Peter Friedrich hielt nur wenige Stunden. Sie war in Wirklichkeit auch keine. Es zeugt von völligem Souveranitätsverlust, wenn ein Politiker sein Schicksal in die Hände der Staatsanwaltschaft legt. Diesen Fehler machte schon Christian Wulff. Ein Politiker muss selbst wissen, wann er  in seinem Amt nicht mehr tragbar ist.

Friedrich hat nichts verstanden. Es ist im Nachhinein beängstigend, dass er einmal Verfassungsminister war. Er glaubt immer noch, politisch und rechtlich richtig gehandelt zu haben und war offenbar nur unter dem massiven Druck der Kanzlerin und seines Parteivorsitzenden Horst Seehofer zum Rücktritt bereit.

Ein Ex-Innenminister, der das Recht so gering achtet, war keine Minute länger tragbar. Für Friedrich, Erfinder des “Supergrundrechts Sicherheit”, war der warnende Hinweis an seine neuen Kumpels von der SPD wichtiger als die Wahrung von Dienstgeheimnissen. Das war kein Freundschaftsdienst, sondern Kumpanei – die Kumpanei einer Bananenrepublik, in der eben nicht alle Bürger vor dem Gesetz gleich sind.

Der Minister ist auch ein Beispiel für ein neues Berliner Phänomen – den nacheilenden Rücktritt. Minister müssen gehen, weil sie im vorherigen Amt versagt haben. So war es auch bei Franz Josef Jung, den als Arbeitsminister seine Vergangenheit als Verteidigungsminister einholte.

Gut, dass Friedrich weg ist, aber die politische und rechtsstaatliche Hygiene ist noch lange nicht wieder hergestellt. Jetzt richtet sich der Fokus auf die SPD. Sie ist Teil des Versuches, in Deutschland die Regeln mittelamerikanischer Politik einzuführen.

Die gesamte Spitze (Gabriel, Steinmeier, Oppermann) war über dem Verdacht gegen Sebastian Edathy informiert und gab die Information dann auch noch an die neue Fraktionsgeschäftsführerin weiter. Außerdem war der niedersächsische SPD-Innenminister eingeweiht.

Damit war der Personenkreis so groß, dass Geheimhaltung kaum noch zu gewährleisten ist. Denn alle haben Vertraute und Mitarbeiter. Der informierte Personenkreis war, dafür spricht die politische Erfahrung, wahrscheinlich deutlich größer als nur die fünf SPD-Politiker.

Auch widerspricht es den rechtsstaatlichen Prinzipien, dass ein SPD-Fraktionsgeschäftsfüher in einem Ermittlungsverfahren gegen einen Fraktionskollegen “auf dem kurzen Dienstweg” den BKA-Chef anruft – offenbar, um zusätzliche Informationen oder Einschätzungen zu erhalten.

Irgendwann ist aus diesem Kreis offenbar die Information bevorstehender Ermittlungen auch an den betroffenen Sebastian Edathy gelangt . Er wurde gewarnt – der schwerste rechtsstaatliche Verstoß. Denn Edathy und sein Anwalt wussten schon vor Monaten von dem Verdacht und den Ermittlungen und konnten sich darauf vorbereiten. Das Verschwinden von Rechnern und die angebliche Zerstörung von Festplatten deuten zusätzlich darauf hin.

Die SPD-Spitze muss sich schnell und ausführlich erklären, muss alle Abläufe und Informationsstränge im Detail offenlegen. Wer wusste es und wer gab es weiter? Das ist die entscheidende Frage.

Die Krise hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Der Rücktritt von Friedrich war nur eine Etappe des Skandals. Der Staatsanwaltschaft bleibt gar nichts anderes übrig, als Ermittlungen wegen des Verdachts der Strafvereitelung einzuleiten – ohne Ansehen der Person. Weitere Rücktritte sind nicht ausgeschlossen.

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Donnerstag, 13. Februar 2014, 14:24 Uhr

Die Spur eines Verdachts

Jetzt wird der Fall Sebastian Edathy, bei dem es bisher nur um eine mögliche Straftat eines einzelnen Abgeordneten ging, politisch interessant. Die SPD-Führung hat – drei lange Tage nach den Hausdurchsuchungen – zugegeben, dass sie von dem Verdacht gegen ihr Fraktionsmitglied seit Oktober wusste.

Damals informierte Innenminister Hans-Peter Friedrich SPD-Chef Gabriel, dieser wiederum Fraktionschef Steinmeier, und dieser den damaligen Fraktionsgeschäftsführer Oppermann. Nach der Bundestagswahl wurde die neue Fraktionsgeschäftsführerin Christiane Lambrecht eingeweiht. In der Politik ein großer Kreis von Eingeweihten, die alle wiederum Vertraute und Mitarbeiter haben. Daraus ergeben sich mehrere brisante Fragen:

1. Durfte der Innenminister den SPD-Chef überhaupt informieren, bevor die Ermittlungen so weit fortgeschritten sind, dass die Aufhebung der Immunität beantragt wird?

2. Waren diese Informationen der Grund, warum der bis dahin als Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses anerkannte und verdiente Abgeordnete nach der Wahl kein Amt bekommen hat, weder in der Regierung noch in Fraktion? Wenn es aufgrund der Informationen geschah, käme es einer Vorverurteilung gleich.

3. Wurde Edathy aus der SPD-Fraktion über den Verdacht und die Ermittlungen informiert? Es ist zumindest auffällig, dass er kurz vor dem Antrag auf Aufhebung der Immunität überraschend sein Mandat “aus gesundheitlichen Gründen” niederlegte, so dass der Fall die Öffentlichkeit des Immunitätsausschusses nicht mehr erreichte.

4. Warum hat Frau Lambrecht noch Anfang der Woche erklärt, sie habe keine Kenntnis über den Grund des Ermittlungsverfahrens?

5. Konnte nach diesem Ablauf Edathy möglicherweise Beweise vernichten? Angeblich wurden aus den Büros und Wohnungen Edathys Rechner entfernt und Festplatten zerstört.

6. Wurde die Staatsanwaltschaft durch das Informationsverhalten und den Folgen bei ihren Ermittlungen behindert?

Keiner weiß, wie der Fall Edathy strafrechtlich ausgeht. Bis dahin gilt er als unschuldig. Aber die Abläufe werfen für die Öffentlichkeit brisante Fragen an Friedrich und die SPD-Führung auf. Die bisherigen Antworten können nur der Anfang für eine intensive Aufklärung sein..

Und: Nehmen wir einmal an, es wäre um eine andere mögliche Straftat gegangen, zum Beispiel den Verdacht der Steuerhinterziehung. Laufen dann die Informationen genauso?

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Sonntag, 15. Dezember 2013, 17:03 Uhr

Wie man Minister wird

Regierungsbildungen folgen den Regeln der Proporzrechnung: Mann und Frau, Nord und Süd, Ost und West, links und rechts.

Deshalb mussten es bei der SPD drei Ministerinnen sein und eine davon aus NRW, dem größten Bundesland, kommen. So wurde Barbara Hendricks Umweltministerin. Deshalb wurde Heiko Maass aus dem Saarland, formerly links, Justizminister. Er kommt, von Berlin aus gesehen, aus dem Süden, der bei der SPD nur mit Andrea Nahles bedient wird. Und auch sie gilt immer noch als Linke.

Deshalb konnte Thomas Oppermann nicht Minister werden (mit Gabriel und Steinmeier wären das zu viele Niedersachsen gewesen) und wird deshalb Fraktionschef. Deshalb muss jetzt wieder eine Frau Generalsekretärin werden und nicht der favorisierte Ralf Stegner aus Schleswig-Holstein, wahrscheinlich eine Frau aus Berlin.

Und deshalb tauchen bei den Staatssekretären der SPD besonders Politiker aus nicht bedachten Ländern wie Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen auf. Die Hessen werden mit einer Fraktionsgeschäftsführerin und einem Staatssekretär befriedigt.

Bei der CDU ist es nicht viel anders: weil Ronald Pofalla in die Wirtschaft geht, muss einer anderer NRW-Politiker ins Kabinett. So wurde Hermann Gröhe Gesundheitsminister. Und die CDU leistet sich – im Gegensatz zur SPD -zwar keine zahlenmäßige Frauenquote, aber eine Frauen-Bedeutungsquote – mit der Kanzlerin und der neuen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.

Der Osten ist bei der SPD mit Manuela Schwesig und bei der CDU mit Johanna Wanka und natürlich durch die Kanzlerin vertreten.

Die CSU macht es sich mit den Quoten einfacher. Eine Frauenquote gibt es nicht, nur den bayerischen Regionalproporz, der bei der Landesregierung voll durchschlägt, aber bei nur drei Bundesministern nicht einzuhalten ist.

Bei der CSU spielen machtstrategische Motive eine größere Rolle. Generalsekretär Alexander Dobrindt wird zum Verkehrs- und Datennetzminister aufgewertet, um als dritter potenzieller Anwärter die um die Seehofer-Nachfolge rivalisierenden Ilse Aigner und Markus Söder in Schach zu halten.

Aber Dobrindts Beförderung ist auch mit einer Giftpille versehen. Dobrindt muss die Quadratur des Kreises bei der PKW-Maut gelingen, an der Peter Ramsauer gescheitert ist. Hans-Peter Friedrich, der NSA-blinde Innenminister, kommt muss ins Landwirtschaftsministerium.

Bei diesen Kriterien kann aber immer noch eine gute Regierung herauskommen. Mit Merkel, Gabriel, Steinmeier, Schäuble, de Maiziere, Altmaier und von der Leyen sitzen immerhin sieben professionelle Schwergewichte am Kabinettstisch.

Zwei davon sind potenzielle Kanzlerkandidaten: Sigmar Gabriel, wenn ihm die Energiewende gelingt, und Ursula von der Leyen, wenn sie das schwierigste Ressort der Bundesregierung in den Griff bekommt und Merkel 2017 nicht mehr antreten sollte. Gabriel gegen von der Leyen – das wäre doch spannend. Zumindest spannender als Steinbrück gegen Merkel.

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Samstag, 14. Dezember 2013, 15:32 Uhr

Auf Willy Brandts Spuren

Das hat wahrscheinlich Sigmar Gabriel vor einem halben Jahr selbst nicht gedacht, dass er einmal als Willy Brandts Ur-Enkel dessen anspruchsvolles Motto “Mehr Demokratie wagen” in die Tat umsetzen würde – mit dem ersten SPD-Mitgliederentscheid über einen Koalitionsvertrag. Es war auch weniger seine Absicht als das unvermeidliche Nebenprodukt eines riskanten Machtspieles.

Die SPD wurde zur “Beteiligungspartei” (Gabriel), weil es nicht anders ging.

Denn es ging bei dem Mitgliederentscheid, wie so häufig in der Demokratie, in erster Linie um die Macht. Es ging um Gabriels Macht.

Gabriel musste einen möglichen Putschversuch von Hannelore Kraft und Olaf Scholz abwehren, die Parteiführung nach dem schlechten Wahlergebnis auf einen gemeinsamen Weg zwingen und den zu erwartenden Protest der Mitglieder kanalisieren. Deshalb ließ Gabriel, nachdem sich die Große Koalition abzeichnete, erst einen Parteikonvent und dann die Basis entscheiden.

Aus diesem Machtspiel ist jetzt eine große Erfolgsstory geworden: 71 Prozent Beteiligung, 76 Prozent Zustimmung. Die hohe Beteiligung beweist den Hunger der Basis nach Mitsprache. Sie will nicht mehr alles schlucken, was die da oben in den Hinterzimmern auskungeln, sondern selbst entscheiden.Wenn schon Große Koalition – dann als Entscheidung der Basis und nicht als Alleingang der Führung.

Damit setzt die SPD-Basis ein Zeichen, an dem die Führung künftig nicht mehr vorbeigehen kann. Es ist schwer vorstellbar, dass die Basis nicht auch über den Kanzlerkandidaten und das Wahlprogramm 2017 entscheiden wird. Die Uhr lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Und für die alte Tante SPD ist der Mitgliederentscheid eine Frischzellenkur, ein Modernitätsschub.

Und mehr innerparteiliche Demokratie, aus welchem Motiv auch immer, ist ansteckend für andere Parteien. Auch die CDU wird in den nächsten Jahren nicht mehr nur ein Merkel-Abnickverein sein können.

Für Sigmar Gabriel ist der Mitgliederentscheid ein ganz persönlicher Sieg. Aus “Siggi Pop” wird ein Mann, der als Parteichef anfängt, in Willy Brandts übergroße Fußstapfen zu treten. Er hat das Risiko nicht gescheut und ist massiv gestärkt daraus hervorgegangen.

Auch erscheint die SPD dank des Mitgliederentscheids und der medialen Begleitmusik heute stärker als sie bei der Bundestagswahl vor drei Monaten abgeschnitten hat. Sie hat aus der Niederlage einen Sieg gemacht, wirkt kraftvoller und moderner als die CDU.

Mit ihrer Regierungspraxis muss die SPD jetzt beweisen, dass sie nicht nur ein Scheinriese ist.

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Donnerstag, 28. November 2013, 15:59 Uhr

Feigheit vor dem Parteifreund

Der Mitgliederentscheid der SPD wird zur Groteske und die Behauptung der Parteiführung, es gehe bei der Abstimmung um mehr innerparteiliche Demokratie, wird als Farce entlarvt. Die Mitglieder sollen über die Inhalte der Großen Koalition abstimmen, ohne zu wissen, wer diese Inhalte als Minister umsetzen soll.

Das ist ein merkwürdiges Verständnis von innerparteilicher Demokratie. Die Mitglieder werden einerseits für so mündig gehalten, dass sie bei einer Beteiligung von nur 20 Prozent mit 48.000 Stimmen die Große Koalition platzen lassen können, andererseits aber für zu unmündig, um auch über das schon längst ausgekungelte Personal abzustimmen.

Das Verhalten der SPD-Führung ist nur als angstgetrieben zu erklären. Angst davor, dass die Basis mit dem einen oder anderen Ministerkandidaten nicht einverstanden sein und deshalb ihre Zustimmung verweigern könnte. Das ist Feigheit vor dem Parteifreund. Kein Wunder, dass sich dagegen jetzt Widerstand regt.

Der Mitgliederentscheid ist ohnehin inkonsequent. Wieso dürfen die Mitglieder die Aufgabe der Volksvertreter übernehmen, wenn sie zuvor weder über den Kanzlerkandidaten noch über das Wahlprogramm abstimmen durften? Wo blieb da die innerparteiliche Demokratie? Das wäre die originäre Aufgabe der Basis gewesen. Für Regierungsbildungen sind dann die gewählten Repräsentanten zuständig.

Diese Widersprüchlichkeit ist auch nur mit der Angstgetriebenheit der SPD-Führung zu erklären, die glaubte, die Partei würde ohne den Mitgliederentscheid zerbrechen.

Sigmar Gabriel hat wieder einmal übertaktiert und sich jetzt in den Fallstricken seiner Taktik verfangen. Noch ist Zeit, diese Farce zu beenden und die Ressortverteilung und die Ministerkandidaten offenzulegen. Der Schaden ist schon eingetreten, aber er könnte bis zum Beginn des Mitgliederentscheids am 6. Dezember noch repariert werden.


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