Freitag, 15. Februar 2019, 16:52 Uhr

Wetten auf die Zukunft

CDU und SPD gehen Wetten auf die Zukunft ein. Sie sind nicht ohne Risiko. Die CDU rückt in der Flüchtlingspolitik ein Stück nach rechts, die SPD in der Sozialpolitik nach links. Beide in der Hoffnung, dadurch verloren gegangene Wähler zurückzugewinnen.

Gleichzeitig befrieden beide Partner der Großen Koalition ihre eigenen Parteien. Plötzlich lobt Juso-Chef Kevin Kühnert seine Vorsitzende Andrea Nahles und CSU-Chef Markus Söder sieht in der CDU “die konservative Seele versöhnt”.

Die Wetten enthalten aber mehrere Risiken. Es ist völlig ungewiss, ob die CDU AfD-Wähler zurückgewinnen kann, solange Angela Merkel regiert. Und genauso unsicher ist es, ob die SPD bei der Linkspartei wildern kann.

Die Originale können immer radikaler sein als die beiden Volksparteien. Und gleichzeitig geben CDU und SPD Raum in der Mitte frei, der den Grünen und der FDP zugute kommen kann. Die Europa-Wahl und die ostdeutschen Landtagswahlen sind der Lackmustest.

Und ein weiteres Risiko liegt in der Operation: nicht einmal ein Jahr nach dem Start der GroKo streben beide Partner wieder auseinander. Die Risse werden tiefer, permanenter Koalitionsstreit liegt in der Luft. Da können beide noch so oft versichern, sie planten nur für die Zukunft.

Falls die Große Koalition nach der Europa-Wahl oder im Herbst platzt, dann haben beide Parteien immerhin wieder ein klares Profil – ein gegensätzliches. Sie sind wieder unterscheidbarer.

Dieser Text erschien heute im Rahmen meiner Kolumne im “Berliner Kurier”.

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Freitag, 07. Dezember 2018, 17:56 Uhr

Die CDU lebt noch

Ja, sie lebt noch. Die CDU ist aus dem Tiefschlaf der Ära Kohl und der Ära Merkel aufgewacht. Sie diskutiert wieder, sie streitet wieder, sie strahlt neue Vitalität aus. Sie hat als Partei gewonnen. Es war tatsächlich ein Fest für die Demokratie.

Gewonnen hat im Wahl-Krimi um den Vorsitz die Kandidatin des sanften Übergangs in eine neue Zeit der CDU. Es gibt keinen Bruch mit Angela Merkel. Annegret Kramp-Karrenbauer will nicht alles anders, aber einiges besser machen.

Sie wird einen anderen Stil als Vorsitzende pflegen. Die neugewonnene innerparteiliche Demokratie wird bleiben.Das hat sie der Partei glaubhaft versprochen. Sie wird die Kanzlerin, wenn überhaupt,  nur inhaltlich, nicht aber persönlich bedrängen. Wie lange Merkel Kanzlerin bleibt, entscheidet weniger die CDU als die SPD.

Friedrich Merz wäre eine Zäsur gewesen. Mit knapper Mehrheit hat sich die Partei der Zäsur verweigert. So weit wollte die CDU dann doch nicht ins Risiko gehen.

Ob diese neue CDU auch wieder neue Wähler gewinnt, beziehungsweise alte zurückgewinnt, hängt einerseits von Frau Kramp-Karrenbauer, andererseits vom Verhalten des konservativen Flügels ab. Bei ihm ist die Enttäuschung groß. Er hat die letzte große Schlacht um den Kurs der Partei verloren.

Werden die Konservativen in die innere Emigration gehen, sich der neuen Chefin verweigern, oder bleiben sie engagiert dabei? Die Antwort wird entscheidend für künftige Wahlen sein. Besonders im Osten, wo im nächsten Jahr drei Landtagswahlen anstehen.

Diese Wahlen und das Ergebnis der Europa-Wahl werden darüber entscheiden, ob Kramp-Karrenbauer tatsächlich auch die nächste Kanzlerkandidatin der CDU/CSU wird. Das ist noch nicht ausgemacht. Sie ist eine Vorsitzende auf Bewährung. Nicht nur die Konservativen in der Partei werden sie genau beobachten.

Die Rückkehr von Friedrich Merz in die aktive Politik ist gescheitert. Es gibt kein Comeback. Retro mag schick sein, nicht aber in der CDU. Seine Rolle wird die eines gelegentlichen Unterstützers von der Seitenlinie aus sein. Mehr nicht.

Jens Spahn dagegen hat seine Zukunft noch vor sich. Wie weit sie führt, hängt davon ab, wie erfolgreich oder erfolglos Kramp-Karrenbauer sein wird. Denn am Ende zählt bei der CDU nur eine Währung: Wählerstimmen, Regieren.

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Montag, 29. Oktober 2018, 15:55 Uhr

Befreiungsschlag

Wenn Du glaubst, es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwo ein Lichtlein her.

Die CDU steht möglicherweise vor einem sensationellen Befreiungsschlag. Die Dynamik nach der Hessen-Wahl ist überwältigend. Kaum hatte Angela Merkel honorig und mit glaubwürdiger Begründung den lange überlegten Verzicht auf den Parteivorsitz angekündigt, da erklärte sich Friedrich Merz bereit, in die Politik zurückzukehren und für ihre Nachfolge auf dem CDU-Parteitag im Dezember zu kandidieren.

Damit verändert sich die Lage der CDU fundamental. Keiner der gefühlt nur Mini- Nachfolgekandidaten (Kramp-Karrenbauer, Spahn und vielleicht noch andere) kann Friedrich Merz das Wasser reichen, Merkels altem Rivalen.

Merz ist ein kompetenter Mann mit großer Erfahrung, international vernetzt, zwar rechts von Merkel, aber kein Rechter, ein gestandener Konservativer, aber kein Flügelmann. Er ist ein großes Kaliber, ein Mann, der die Partei elektrisiert. Und warum sollten wegen Kramp-Karrenbauer AfD-Wähler zurückkehren oder wegen Spahn grüne Wähler oder gar die CDU-Mitglieder von einem der beiden elektrisiert sein?

Merz ist ein Mann, der mit seiner Aura und seiner Eloquenz die Partei aufrütteln und mit den Wählern versöhnen könnte, zumindest mit denen, die zur AfD abgewandert oder zu Hause geblieben sind. Und er ist schon so lange nicht mehr im aktiven Politikbetrieb, nicht vom Bazillus der Großen Koalition und ihrem Versagen infiziert, dass er fast schon wieder ein neues Gesicht ist.

Für den 62-jährigen Merz wäre dies eine späte Genugtuung, sein politischer Lebenskreis würde sich schließen. Erst glaubte er, er könne 2002 Kanzlerkandidat werden. Ein Trugschluss. Dann rechnete er fest damit, nach der Bundestagswahl 2002 Fraktionsvorsitzender zu bleiben, bis ihm Merkel dank einer Absprache mit Edmund Stoiber dieses Amt nahm. Eine tiefe Feindschaft entstand. Fortan nannte Merz Merkel nicht einmal mehr beim Namen, sondern sprach immer nur von “dieser Dame”.

Die Ereignisse beweisen, was Merkel selbst erkannt hatte: es funktioniert nicht, wenn ein Amtsinhaber seine Nachfolge selbst regeln will. Es gilt aber auch immer noch der Satz von Merkel, Parteivorsitz und Kanzleramt gehören in eine Hand. Falls Merz den Parteivorsitz gewinnt, dann wird sie wahrscheinlich auch vor 2021 das Kanzleramt verlieren. Denn darauf zielt die Bewerbung von Merz eigentlich.

Mit ihm könnte die CDU auch Neuwahlen riskieren, falls die SPD aus der Großen Koalition aussteigt. Größte Verliererin des faszinierenden Machtkampfes wäre Annegret Kramp-Karrenbauer. Sie müsste alle Ambitionen fahren lassen und würde möglicherweise auch das Amt der Generalsekretärin verlieren und völlig ohne Job dastehen.

Aber die CDU könnte sich an den eigenen Haaren aus dem Umfragesumpf ziehen. Politik kann doch noch spannend sein.

Natürlich ist Merz jetzt auch eine Projektionsfläche für viele Parteimitglieder und Wähler. Ob er die Erwartungen einlösen kann, ob er wirklich zu einer Integrationsfigur wird, das weiß keiner genau, aber er ist klug genug, auf alle in der Partei zuzugehen. Merz beflügelt die Phantasie. Das ist in der heutigen Lage der Volksparteien schon sehr viel.

P.S. Für die SPD ist kein Lichtlein in Sicht. Nur für die Grünen könnte es noch heller leuchten.

PPS. Lesen Sie dazu auch meinen Beitrag “Merz & Merkel – so fing alles an” vom 29. März 2009

 

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Sonntag, 28. Oktober 2018, 18:59 Uhr

Seehofers zweiter Streich

Er stand zwar nicht zur Wahl in Hessen, aber er hat nach Bayern auch sie entschieden: Horst Seehofer, der Zerstörer der Großen Koalition. Offensichtlich spielten auch in Hessen die Wut und der Verdruss über die Berliner Regierung die entscheidende Rolle. Sowohl CDU als auch SPD hatten dagegen mit ihrer landespolitischen Erfolgsbilanz beziehungsweise mit ihren landespolitischen Themen keine Chance.

Diese Wut über Berlin geht zu 90 Prozent auf das Konto von Horst Seehofer. Erst sein sinn- und maßloser Streit mit der Kanzlerin über seinen sogenannten Masterplan und die Zurückweisung von Flüchtlingen an den Grenzen. Dann der Fall Maaßen, der überhaupt nur dadurch entstehen konnte, dass Seehofer dem Präsidenten des Bundeamtes für Verfassungsschutz mit offenkundiger inhaltlicher Billigung die Genehmigung für sein umstrittenes BILD-Interview gegeben hatte.

Diese beiden Ereignisse prägten maßgeblich das Bild von der Großen Koalition, von CDU/CSU und SPD auf Bundesebene. Sie führten zum Autoritätsverfall von Angela Merkel. Sie selbst allerdings hatte auch ihren Teil zum Verdruss beigetragen – mit ihrer Sprachlosigkeit, ihrer Führungsschwäche und ihrer mangelnden Einschätzung der Wählerstimmung im Fall Maaßen. Und natürlich auch die SPD-Chefin Andrea Nahles, die der unfassbaren Beförderung Maaßens zugestimmt hatte.

Dafür haben CDU und SPD erneut die Quittung erhalten. Der zweite Denkzettel ist die letzte Abmahnung. Wenn die Große Koalition jetzt nicht zur Vernunft kommt, hat sie keine Existenzberechtigung mehr. Die CDU wird – so wie es jetzt aussieht –  die Nerven behalten, bei der SPD ist das noch offen. Aber ein Ausstieg aus der GroKo wäre Selbstmord aus Angst vor dem Tod. CDU-Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer hat für diesen Fall schon Neuwahlen angekündigt.

Voraussetzung für ein Überleben der Großen Koalition ist aber jetzt erst recht das politische Ende von Seehofer. Die CSU muss ihn endlich in Rente schicken. Wenn er in der Regierung bleibt, besteht keinerlei Aussicht auf Stabilisierung.

Der Erfolg der Grünen ist verdient. Sie machen zur Zeit alles richtig. Sie haben die richtigen Themen und die richtige Führung. Sie sind ein Stabilitätsanker. Sie sind der einzige glaubwürdige Gegenpol zur AfD.

Wenn es beim Stand der Hochrechnungen bleibt, dann ist Jamaika die einzige Regierungsoption in Hessen. Und das muss, wie Schleswig-Holstein zeigt, kein Schaden sein.

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Freitag, 21. September 2018, 16:03 Uhr

Bankrotterklärung von Nahles

Es kommt selten vor, dass eine Parteivorsitzende eine Misstrauenserklärung gegen sich selbst veröffentlicht. Genau das hat Andrea Nahles getan. Sie will mit der Kanzlerin und Horst Seehofer über die Verwendung des Verfassungsschutzpräsidenten Maaßen neu verhandeln.

Nahles schreibt: “Wir  haben uns geirrt und Vertrauen verloren”, womit sie in erster Linie sich selbst meint, als mit ihrem Einverständnis der ablösungsreife und unhaltbare  Hans-Georg Maaßen zum  Staatsekretär befördert und dafür ein SPD-Staatsekretär gefeuert wurde.

Das aber war mehr als ein Irrtum. Das Eingeständnis, dass sie weder ihre Partei noch die Bevölkerung richtig einschätzen konnte, ist eine Bankrotterklärung als Parteivorsitzende.

Wenn eine starke Volkspartei SPD in Zeiten des Rechtspopulismus und des erstarkenden Rechtsradikalismus nicht so dringend gebraucht würde, wäre es zum Lachen. So ist es zum Weinen, wenn man miterlebt, wie sich die einst so stolze Partei selbst zerlegt und in den Umfragen inzwischen hinter der AfD liegt. Und wie die Demokratie immer mehr in die Defensive gerät.

Jetzt hat Nahles ihr Schicksal von Horst Seehofer abhängig gemacht. Er allein entscheidet, ob es Nahles erlaubt wird, wenigstens in Nachverhandlungen einen kleinen Erfolg zu verbuchen, um ihre Partei zu beruhigen. Wenn nicht, dann wird, das kann man heute prognostizieren, die SPD die Regierung verlassen. Das Schicksal dieser Regierungskoalition liegt wieder einmal in den Händen Seehofers. Und da ist es am schlechtesten aufgehoben.

Aber es geht längst nicht mehr nur um das Schicksal der Koalition. Es geht inzwischen um mehr – um den Fortbestand des liberalen Rechtsstaates.