Sonntag, 12. Mai 2013, 12:41 Uhr

Team ohne Botschaft

Eine glanzvolle Veranstaltung wird das nicht: Am Montag stellt Peer Steinbrück die ersten drei Mitglieder seines Kompetenzteams vor. Die wenig elektrisierenden Namen sind schon bekannt. Durchgestochen, während Steinbrück in Polen war, um vom bizarren Tempo-120-Streit zwischen Sigmar Gabriel und Steinbrück abzulenken. Sie werden der dümpelnden Kampagne des SPD-Kanzlerkandidaten keinen Schub verleihen.

Der eine, Klaus Wiesehügel, ist ein alter Gewerkschafter, Gegner der Agenda 2010 und der Rente mit 67.  Es wird einiger lustiger Verrenkungen der beiden Herren bedürfen, um so zu tun, als sei man auf einem Nenner. Hinzu kommt, dass Wiesehügel gar nicht in ein Kabinett Steinbrück eintreten will oder kann, weil er kurz vor der Bundestagswahl als Chef der IG Bau wiedergewählt werden will.

Der zweite, Thomas Oppermann, zweifellos ein gestandener Politiker, läuft sich hinter den Kulissen schon warm, um bei einer großen Koalition Frank-Walter Steinmeier als Fraktionschef abzulösen.

Das dritte Mitglied des Kompetenzteams, die Designprofessorin Geesche Joost, hat wenigenstens den Hauch des Unkonventionellen. Die Seiteneinsteigerin aber droht der Weg von Gerhard Schröders Seiteneinsteiger Jost Stollmann: nach der Wahl ist der Ausflug in die Politik vorbei.

Nein, diese Kandidaten jagen Angela Merkel keinen Schrecken ein. Auch nicht der nächste Schub, zu dem Thüringens Wirtschaftsminister Mattias Machnig und die Hamburger Justizsenatorin gehören sollen. Ein Schwergewicht, wie es zum Beispiel Edmund Stoiber 2002 in seinem Kompetenzteam mit Lothar Späth als Superminister aufbot, hat die SPD nicht im Team.

Namen sind Botschaften und mit starken Namen lassen sich starke politische Botschaften verbinden. Beides ist von Steinbrücks Kompetenzteam nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Wiesehügel und Steinbrück sind gegensätzliche  Botschaften.

Die SPD-Kampagne tritt auf der Stelle, die 30 Prozent erscheinen weiterhin in unerreichbarer Ferne. Währenddessen macht die Kanzlerin Wahlkampf auf ihre Art. In Afghanistan produzierte sie schöne Fotos mit Soldaten bei Würstchen mit Kartoffelsalat. Als nächstes kommt eine Privataudienz beim Papst und im Juni reist ihr wichtigster Wahlhelfer an, US-Präsident Barack Obama. Dagegen ist mit Wiesehügel und Machnig wenig auszurichten.

Ein Regierungschef kann sich immer besser inszenieren als der Herausforderer. Und er kann immer so tun, als sei das gar kein Wahlkampf, sondern normales Regierungsgeschäft.

Und genau das ist Merkels Botschaft: sie macht nach dem 22. September einfach so weiter wie bisher. Vielleicht mit einem anderen Koalitionspartner, aber das vertraute Gesicht an der Spitze bleibt. Und Steinbrück verabschiedet sein Kompetenzteam mit einem Katerfrühstück.

Kommentare
58
Samstag, 17. November 2012, 18:36 Uhr

Die sinnlosen Koalitionsversprechen

Wollen hat noch nie eine Wahl entschieden. Zumindest kommt es höchst selten so, wie die Parteien wollen. Wenn es nur ums Wollen ginge, dann gäbe es in Bayern noch die CSU-Alleinherrschaft, die SPD würde in Baden-Württemberg den Ministerpräsidenten stellen und die CDU in Schleswig-Holstein noch mit der FDP regieren.

Wollen heißt in der Politik, sich etwas zu  wünschen. Es geht aber ausschließlich ums Können.

Und ob eine Partei das kann, was sie will, entscheiden die Wähler. Deshalb ist es ziemlich egal, dass die Grünen nur Rot-Grün wollen und Schwarz-Grün als Teufelszeug ablehnen. Und es ist auch völlig gleichgültig, dass auch die SPD nur Rot-Grün und ihr Kanzlerkandidat lieber aufs Altenteil gehen will, als eine große Koalition einzugehen.

Koalitionsversprechen sind in einem Fünf- oder Sechsparteienparlament sinnlos. Sie dienen nur dazu, die Hardcore-Anhänger zu mobilisieren und nicht zu verprellen. Sie sind reine Absichtserklärungen und der Versuch, das vermeintlich unwissende Publkikum zu täuschen. Dabei wissen die Wähler doch genau, dass die salvatorische Klausel aller Parteien lautet: Wenn wir können.

Die Wähler haben sich längst damit abgefunden, dass sie keine Koalitionen wählen können, sondern nur Parteien, die sich bemühen, bei Koalitionsverhandlungen (mit wem auch immer, die Linkspartei vielleicht ausgeschlossen) wenigstens ein paar Vorhaben durchzusetzen, die sie den Wählern versprochen haben.

Manchmal gelingt nicht einmal dies, wie das Beispiel von 2005 zeigt, als die SPD versprach, eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um zwei Punkte zu verhindern und anschließend drei Punkte mit der CDU/CSU vereinbarte. Und die FDP hat bis heute keine Steuersenkungen durchgesetzt.

Aber die Parteien glauben immer noch, dass die Wähler dümmer seien als sie. Deshalb werden Koalitionswünsche wie Versprechen formuliert und wie eine Monstranz im Wahlkampf vor sich hergetragen. Und wenn es dann anders kommt, sind die Wähler daran schuld.

Deshalb sind alle Äußerungen der Grünen zu Schwarz-Grün nicht die Sendeminuten wert, die damit verschwendet werden. Wenn es dann doch zu Schwarz-Grün kommen sollte, dann natürlich nur, um eine große Koalition zu verhindern. Und Herr Steinbrück mag ja gerne aufs Altersteil gehen, wenn`s aber nicht anders geht, dann macht eben Frank Walter Steinmeier für die SPD wieder die große Koalition.

Koalitionsversprechen sind so wahrhaftig wie die Standing Ovations für Claudia Roth.

Kommentare
51
Freitag, 09. November 2012, 11:49 Uhr

Leere Köpfe, leere Schubladen

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, schrieb einst Hermann Hesse. Für einen gilt das nicht: Peer Steinbrück. Seinem Anfang als SPD-Kanzlerkandidat wohnt eher ein Fluch inne. Er und seine SPD haben den Start ins Wahljahr gnadenlos verstolpert.

Der Kandidat schwächelt, bevor er Stärke entfalten kann. Steinbrück schmiert in den Umfragen ab. Und das liegt nicht nur an der verlogenen Kampagne von Schwarz-Gelb wegen seiner lukrativen Vortragstätigkeit (Steinbrück sei ein “Produkt der Finanzindustrie”).

Charakterliche Vernichtung, nennt man das in US-Wahlkämpfen, wenn die Persönlichkeit des Kandidaten substanziell beschädigt werden soll. Sie ist fast gelungen.

Aber das ist nicht nur die Schuld der Urheber der Kampagne. Steinbrück selbst hat zuerst überheblich und unsensibel reagiert, dann zu spät die Offenlegung aller Honorare angekündigt, bei der Veröffentlichung auch noch einen Teil weggelassen und sich schließlich in ein nicht gewinnbares Scharmützel mit den Stadtwerklen Bochum verstrickt. Da hilft auch nichts mehr, dass er das Phantasiehonorar jetzt spendet.

Und die SPD hat zu spät versucht, den Spieß herumzudrehen und die Scheinwerfer auf die deutlich größere Zahl der Nebentätigen von Schwarz-Gelb zu richten

Jetzt ist der Makel eines unsensiblen Millionärskandidaten, der Steinbrück besonders bei SPD-Sympathisanten schadet, kaum noch zu tilgen.

Dass es so weit kommen konnte, liegt daran, dass es sich bei der SPD-Troika Steinbrück/Steinmeier/Gabriel nicht um die professionelle Spitze der SPD handelt, sondern um drei egomane Amateure.

Der eine (Gabriel) hielt die Illusion dreier möglicher Kanzlerkandidaten noch monatelang aufrecht, als schon längst klar war, dass es nur noch um ein Duell gehen kann. Ein Fall von Wählertäuschung. Für Gabriel ging es immer nur um 2017. 2013 hat er schon abgehakt.

Der zweite (Steinmeier) plauderte seinen Verzicht zur Unzeit bei einem Journalistengespräch aus und machte dadurch die Inthronisierung des dritten zum Holterdiepolter-Unfall.

Völlig unvorbereitet musste die SPD-Spitze ihren Kandidaten präsentieren. Kein Profi-Team an seiner Seite, keine Strategie gegen mögliche Anwürfe und der immer noch schwelende Rentenstreit in der SPD, der vor der Kandidatenpräsentation abgeschlossen hätte sein müssen.

Die SPD beschäftigt sich mit sich selbst, statt mit dem politischen Gegner.

Leere Köpfe, leere Schubladen.

Wer, ohnehin weit hinten liegend, Angela Merkel bezwingen will, zerstört so seine eigenen Chancen. Steinbrück muss jetzt einen Neustart versuchen. Er ist aber gefesselt durch den misslungenen Start. Beinfreiheit sieht anders aus. Er wird kein schneller Läufer mehr.

Kommentare
64
Samstag, 20. Oktober 2012, 12:29 Uhr

Im Koalitionsgefängnis

Wer alle Türen schließt, macht sich selbst zum Gefangenen. So geht es zur Zeit den deutschen Parteien, vornehmlich Grünen und FDP. Sie werden zu Gefangenen ihrer Koalitions-Ausschließeritis.

Ein Jahr vor der Bundestagswahl werden die Mauern zu möglicherweise notwendigen  Koalitionspartnern so hoch gezogen, dass sie entweder unüberwindbar werden oder nach der Wahl nur unter dem Vorwurf des Wahlbetrugs wieder eingerissen werden können.

Die Alternative heißt: Blockade oder Wortbruch. Wählertäuschung als Wahlkampfstrategie? Wie soll in einem Fünf- oder Sechs-Parteien-Bundestag noch eine Regierungsmehrheit hergestellt werden können, wenn die meisten Akteure dazu nicht mehr bereit oder fähig sind?

Die SPD will nur mit den Grünen, ihr Kanzlerkandidat Steinbrück ginge lieber in Rente als in eine große Koalition.

Die Grünen wollen nur mit der SPD, auf keinen Fall mit der CDU, auch nicht in eine Ampelkoalition mit der FDP.

Die FDP will nur mit der CDU, auf keinen Fall (Ausnahmen Wolfgang Kubicki und möglicherweise Christian Lindner) mit der SPD und den Grünen. Was bei einer Vier-Prozent-Umfragenpartei noch am ehesten nachvollziehbar ist.

Mit der Linkspartei will gar keiner.

Und von Woche zu Woche wird die Tonlage verschärft (zuletzt Claudia Roth gegenüber einer Ampel-Koalition), so dass die Mauern immer unüberwindbarer werden.

Das bedeutet: nach der Wahl könnten die Beteiligten ihr selbstgewähltes Koalitionsgefängnis nur um den Preis eines Wahlbetruges verlassen. Und dabei wissen sie eigentlich doch ganz genau, dass dann die Flexibilität verlangt wird, die sie jetzt kategorisch ausschließen.

Insbesondere Grüne und FDP führen – wenn sie keine Wahlbetrüger werden wollen – das herbei, was sie auf keinen Fall wollen: eine neue Regierung Merkel/Steinmeier. Deshalb kann sich die CDU als einzige Partei mit Gelassenheit zurücklehnen und das Theater beobachten.

Absurde Welt. Hauptgrund für die Selbstblockade ist die Annahme der Parteien, sie würden ihre Stammwähler demobilisieren, wenn sie gedanklich andere Koalitionsmöglichkeiten zulassen würden als die angestrebte Wunschkoalition. Mit dieser Annahme begeben sie sich freiwillig ins Gefängnis.

Die Parteien jagen lieber eine Chimäre hinterher, als zu versuchen, den Wählern die schwierige Lage zu erklären. Sie könnten doch sagen, wir wollen mit Partner A koaliieren, wenn es aber nicht reicht, dann sind wir, wenn ein gesichtswahrender Kompromiss, wenn die Durchsetzung zentraler Ziele möglich ist, notfalls auch für Partner B oder Konstellation X offen.

Sie glauben offenbar, dass die Wähler so dumm sind, dass sie die wahrscheinlichen  Zwänge einer Regierungsbildung 2013 nicht kennen und schon gar nicht akzeptieren. Dass sie belogen werden wollen. Wer die Wähler für so dumm hält, kann sich sie eigentlich nicht achten und mögen.

Kommentare
44
Freitag, 28. September 2012, 12:13 Uhr

Missglückte Inszenierung – richtiger Kandidat

Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst – so heißt ein alter Schlagertitel von Juliane Werding. So ist es jetzt dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel ergangen.

Gabriel hatte sich das so schön gedacht: eineinhalb Jahre hält er Medien und Öffentlichkeit mit der Kandidaten-Troika  in Atem, beschäftigt die Phantasie der Wähler, zeigt den Reichtum der SPD an potenziellen Kanzlerkandidaten, versetzt die CDU/CSU in Angst und Schrecken.

Und dann, Ende Januar 2013, wenn Niedersachsen für die SPD gewonnen ist, dann präsentiert der große Vorsitzende den Heilsbringer. Und er selbst bereitet sich darauf vor, nach der Bundestagswahl auch Fraktionschef zu werden.  Tja, wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst.

Die Inszenierung ist gründlich schiefgegangen. Das Publikum wandte sich ermüdet von der Troika ab, Angela Merkel stabilisierte sich als Kanzlerin auf immer höherem Umfrageniveau, die Partei drängte auf eine rasche Entscheidung.

Jetzt ist Gabriel die Regie entglitten. Frank-Walter Steinmeier wollte nicht länger den Zählkasper machen und erklärte seinen Verzicht und die schöne Inszenierung brach zusammen.

Die Findung eines Kanzlerkandidaten kann man nicht eineinhalb Jahre inszenieren. Es geht um Ehrgeiz und Macht, um Eitelkeiten und Selbstachtung. Das hält kein Spitzenmann so lange durch. Deshalb ist Steinmeiers Verzicht konsequent und ehrenwert.

Steinmeier wollte Herr seines Handelns bleiben, Treibender sein und nicht Getriebener. Peer Steinbrücks Inthronisierung ist gründlich misslungen, weil einer das traurige Spiel nicht mehr mitmachen wollte.

Das ändert aber nichts daran, dass der Zusammenbruch der SPD-Regie am Ende doch zum richtigen Kanzlerkandidaten geführt hat. Peer Steinbrück ist strategisch die beste Wahl: er steht wie Helmut Schmidt und Gerhard Schröder ein Stück rechts vom SPD-Mainstream, er hat wirtschafts- und finanzpolitisches Profil, er hat Krisenkompetenz. Mit ihm hat die SPD die größten Chancen, in bürgerliche Wählerschichten einzubrechen. Und er setzt auf alles oder nichts. Das imponiert.

Allerdings darf ihm die SPD bei ihrem kleinen Parteitag am 24. November nicht mit utopischen Rentenbeschlüssen die Kandidatur kaputt machen. Sollte der Vorstand mit seinem Rentenkurs (Beibehaltung der Absenkung des Rentenniveaus auf 43 Prozent) an den SPD-Linken und dem Gewerkschaftsflügel scheitern, dann bräuchte Steinbrück gar nicht mehr anzutreten.

Für Angela Merkel und die CDU ist Steinbrück, wenn die SPD Vernunft zeigt, der gefährlichste Kanididat. Mit ihm gibt es im Gegensatz zu Steinmeier 2009 keine assymetrische Demobilisierungs-Strategie, also den Versuch, die SPD-Anhänger durch Übernahme sozialdemokratischer Positionen und einen einschläfernden Wahlkampf zu demobilisieren und von der Urne fernzuhalten.

Mit Steinbrück kommt Feuer in den Wahlkampf. Er wird polarisieren, Merkel zum Duell zwingen.  Alle, die auch den Unterhaltungswert eines Wahlkampfes schätzen, können sich freuen.

Die Siegeschancen der SPD sind allerdings nur ein wenig größer geworden. Denn Steinbrück kann nur gewinnen (also so viele Stimmen holen, dass es für Rot-Grün reicht), wenn die Wähler Merkel satt haben, wenn sie europapolitisch scheitern sollte, wenn Abwahlstimmung aufkommt. Dafür spricht aber aus heutiger Sicht nichts. Die SPD und Steinbrück können aus eigener Kraft nur wenig erreichen, sie müssen à la baisse spekulieren.

Aber immerhin, es wird kein Einschlafwahlkampf. Und Merkel wird mehr gefordert, als sie durch Steinmeier oder Gabriel gefordert worden wäre. Das ist ja schon etwas. Einer aber, der sich als einziger Sieger wähnte, nämlich Sigmar Gabriel, ist der Verlierer der verunglückten Inthronisation.

P.S. Und es gibt noch eine weitere gute Nachricht: Kurt Beck hat endlich eingesehen, dass seine Zeit als Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz zu Ende geht.


apparent media - iPhone Apps aus Berlin