Sonntag, 31. Juli 2011, 14:34 Uhr

Politischer Sommerfriedhof

In der politischen Sommerpause gibt es bekanntermaßen das Sommertheater. Es wird gerade wieder von CDU/CSU und FDP bespielt mit 997. Vorstellung des Stückes Steuersenkungen. Aber es gibt auch den Sommerfriedhof, auf dem Themen beerdigt werden, die für die Regierung und/oder die Parteien unangenehm sind.  Drei Themen davon möchte ich exhumieren. Sie sind zu früh auf dem politischen Friedhof gelandet.

Das erste Thema sind die Leopard-Panzer für Saudi-Arabien. Riesig war die Aufregung, als “Der Spiegel” enthüllte,. dass der Bundessicherheitsrat in einer geheimen Sitzung den Export von 200 Panzern an die saudischen Diktatoren genehmigt hat – gewissermaßen als deutschen Beitrag zum “arabischen Frühling”.

Heute kräht kein Hahn, beziehungsweise kein Journalist mehr danach. Das Thema wurde beerdigt, obwohl es nach wie vor keine plausible Erklärung der Bundesregierung für diese Genehmigung gibt, obwohl die Details noch völlig unklar sind und das Verfahren völlig intransparent ist. Das Schweigen der Regierung hat offenbar auch die Medien und die Opposition zum Schweigen gebracht.

Das zweite Thema sind die Plagiatoren der FDP, die Aberkennung der Doktorentitel der FDP-Europaabgeordneten Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis. Medien und Opposition haben sich offenbar damit abgefunden, dass die beiden den Skandal aussitzen und ihr Mandat behalten wollen. Es geht immerhin noch um 35 Monatsdiäten in Höhe von 8.000 Euro.

Auch das peinliche Schweigen der FDP-Spitze zu ihren beiden Ex-Doktoren wird nicht thematisiert. Kein Rösler und kein Bahr, Lindner oder Brüderle sagen etwas und kein Jornalist fragt etwas. Die Sagenichte und die Fragenichtse.

Das dritte Thema ist die Blitz-Diätenerhöhung für die Bundestagsabgeordneten kurz vor der Sommerpause. Sie wurde nicht nur vom Parlament, sondern auch von den Medien durchgewunken. Kaum einer Zeitung war sie ein Kommentar wert.  

Und kaum einer thematisierte, dass immer noch nicht die skandalös hohe Altersversorgung reformiert wurde und dass immer noch mehr als 100 Parlamentarier Sonderzulagen aus Steuergeldern erhalten, obwohl das Verfassungsgericht schon vor 11 Jahren deren Rechtswidrigkeit festgestellt hat. Auch die Erhöhung der Parteienfininanzierung wurde von Parlament und Medien durchgewunken, obwohl seit Jahren die Wahlbeteiligung sinkt.

Nun kann man argumentieren, das furchtbare Massaker von Norwegen und das US-Trauerspiel um  Verschuldung und Haushalt seien wichtiger. Sind sie natürlich auch, aber Zeitungen und TV-Magazine haben nicht nur ein Thema und nicht nur drei Seiten.

Es ist ärgerlich, wie leicht die Medien es Regierung und Parteien machen, Themen auf dem politischen Sommerfriedhof zu beerdigen. Ein Fall von Medienversagen. Themen werden nicht mehr längerfristig verfolgt, nicht einmal mittelfristig. Alle warten lieber darauf,  dass die “nächste Sau durchs Dorf getrieben wird”  oder auf die 998. Vorstellung des öden Stückes Steuersenkungen.

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Sonntag, 24. Juli 2011, 12:39 Uhr

Spaß und Arbeit

Angela Merkel hat erklärt, die Arbeit mache ihr Spaß. Das ist ihr zu gönnen, wenn es auch wenig glaubhaft ist, denn der Kanzlerjob ist mörderisch und das europäische Krisenmanagement ohne jeden Spaßfaktor. Und selbst der Adrenalinkick des Erfolges stellt sich selten ein. Dennoch ist der Kanzlerin Spaß zu gönnen, besonders jetzt in ihrem  Urlaub.

Aber die entscheidende Frage ist nicht, ob die Kanzlerin Spaß an der Arbeit hat, sondern ob die Wähler Spaß an ihrer Arbeit haben. Und das scheint, wenn nicht alle Umfragen lügen, nicht der Fall zu sein. Sie ist nur noch die  fünfbeliebteste Politikerin, zwei potenzielle SPD-Kanzlerkandidaten rangieren vor ihr,  ihre Partei dümpelt bei 32/33 Prozent und ihr Koalitionspartner befindet sich noch immer in der Todesszone unter fünf Prozent.

Es wäre also angebracht, nach der desaströses ersten Halbzeit von Schwarz-Gelb nach Projekten Ausschau zu halten, die den Wählern Spaß machen. Die Steuersenkungen werden es nicht sein: zu gering werden und müssen sie ausfallen und die meisten Wähler beschleicht ein ungutes Gefühl, wenn ihnen Wohltaten auf Pump versprochen werden.

Ein bisschen Spaß würden Steuersenkungen den Wählern vielleicht doch machen, wenn zur Gegenfinanzierung der unsinnigste Beschluss dieser bisher verkorksten Legislaturperiode rückgangig gemacht würde, die Mehrwertsteuersenkung für Hotels. Damit wäre immerhin schon eine Milliarde der Steuersenkungen mit Einsparungen finanziert.

Angela Merkel hat auch erklärt, Deutschland gehe es “so gut wie lange nicht”. Sie verweist auf sinkende Arbeitslosigkeit und Rekordwachstum. Millionen Menschen hören die Botschaft, aber glauben sie nicht. Denn die Realeinkommen sanken in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich um 2,5 Prozent, die der Geringverdiener sogar zweistellig.

Das ist keine Überraschung, denn der Beschäftigungszuwachs beruht nach Angaben des Statistischen Bundesamtes zu 75 Prozent auf der Zunahme sogenannter atypischer Beschäftigungsverhältnisse – also auf der Zunahme geringfügiger Beschäftigung, Teilzeitarbeit und Zeitarbeit. Die Zahl dieser Beschäftigungsverhältnisse nahm 2010 im Vergleich zum Vorjahr um 32,5 Prozent zu – Jobs, von den viele nicht oder nur schlecht leben können.

Das heißt: entweder trauen die Unternehmer dem Aufschwung nicht oder sie nutzen Arbeitsformen aus, die nicht für Zeiten der Hochkonjunktur gedacht waren, statt neue feste und gutbezahlte Jobs zu schaffen. Das wäre ein Skandal, aber ein von der Politik geschaffener.

Genau hier könnte Angela Merkels Projekt für die zweite Hälfte der Legislaturperiode ansetzen. Sie könnte die Parole “Arbeit muss sich wieder lohnen” tatsächlich mit Inhalt füllen. Zeitarbeiter müssen bei gleicher Arbeit vom ersten Tag an gleichen Lohn erhalten, denn der Unternehmervorteil der Zeitarbeit liegt in der Flexibiliät, nicht im Niedriglohn. Und eine restriktive Regelung der 400-Euro-Jobs ist überfällig. Und das dritte wäre endlich ein gesetzlicher Mindestlohn, dem Angela Merkel während der Zeit der großen Koalition beinahe schon einmal zugestimmt hätte.

Das bringt zusammen mehr als ihre Steuersenkungspläne. Und die Unternehmer würden ihre Aufschwungdividende ehrlicher mit den Arbeitnehmern teilen.

Dann würde nicht nur Millionen Menschen die Arbeit mehr Spaß machen, sondern sie würden vielleicht auch wieder mehr Spaß an der Arbeit der Kanzlerin finden.

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Dienstag, 05. Juli 2011, 14:28 Uhr

Goldene Zitrone

Wenn eine “Goldene Zitrone” für die schlechteste politische Kommunikation verliehen würde, dann hätte sie die Bundesregierung redlich verdient. Die für schlechtes politisches Handwerk gebührt ihr ohnehin. Beide Auszeichnungen hätte sie mit einem einzigen Thema errungen: Steuersenkungen. Selten ist ein angeblich zentrales Vorhaben von einer Regierung so dilettantisch betrieben und noch dilettantischer kommuniziert worden.

Am Anfang schien alles klar: Schwarz-Gelb vereinbarte Steuersenkungen in einem Vertrag, dem Koalitionsvertrag. Leider übersahen einige Interpreten das Kleingedruckte – den “Finanzierungsvorbehalt”. Eine Klausel, mit der jedes poltische Vorhaben angesichte von mehr als 30 Milliarden Euro Neuverschuldung ausgehebelt werden kann.

So kam es auch: während die einen, die FDP,  auf den Vertrag pochten, versteifte sich die andere Seite, die CDU/CSU, auf das Kleingedruckte. So blockierte sich die Koalition 20 Monate lang und machte ihren Steuersenkungsplan zum öffentlichen Gespött.

Dann trafen sich die Kanzlerin und der neue FDP-Chef Philipp Rösler (der vom politischen Lieferservice) zum FDP-Rettungsgipfel und vereinbarten, dass doch das Großgedruckte des Koalitionsvertrages gelten soll. Leider plauderte Rösler die Einigung aus, bevor die der CDU/CSU verbliebenen Ministerpräsidenten und der Finanzminister eingeweiht waren. So baute sich eine koalitionsinterne Widerstandsfront auf, bevor es überhaupt einen Kabinettsbeschluss gab.

Dieser soll diesen Mittwoch nachgeholt werden – allerdings ohne konkreten Inhalt, wie hoch und wie genau die Steuersenkungen ausfallen sollen. Nur der Termin steht fest: zu Beginn des Bundestagswahljahres 2013. Keiner weiß, ob Philipp Rösler und Angela Merkel ein Steuerpaket mit spürbaren Entlastungen oder nur ein Briefchen mit heißer Luft ausliefern. Das soll erst im zweiten “Herbst der Entscheidungen” beantwortet und nachgeholt werden. Nur zur Erinnerung: zum ersten “Herbst der Entscheidungen” gehörte der Ausstieg aus dem Atomausstieg.

Mit diesem Vorgehen hat Schwarz-Gelb ein – auch für das Publikum – höchst verdrießliches Sommertheater eröffnet. Den ganzen Sommer lang kann jetzt über  Umfang und die konkrete Ausgestaltung gestritten werden – und natürlich auch über die Frage, ob Steuersenkungen grundsätzlich richtig und finanzierbar sind. Und dass es im Bundesrat ohnehin keine Mehrheit dafür gibt. Die Opposition biegt sich vor Lachen.

Am Ende des Sommertheaters wird das Publikum nach einem neuen Stück und neuen Hauptdarstellern auf der Berliner Bühne rufen.

Wenn diese Form politischen Handwerks und politischer Kommunikation weh tun würde, dann würden die Schreie Angela Merkels und ihres Dilettantenstadls bis Flensburg und Garmisch-Partenkirchen zu hören sein.

P.S. Richtig wäre es gewesen, die Steuerentlastungen in einer Klausur des Koalitionsausschusses  unter Beteiligung der Ministerpräsidenten mit konkreten Einzelheiten (auch der Finanzierung) verbindlich zu vereinbaren und dann mit einer Stimme öffentlich zu vertreten. Dann kämen die Steuersenkungen zwar wahrscheinlich immer noch nicht, aber Schwarz-Gelb hätte sich wenigstens nicht so abgrundtief blamiert.

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Samstag, 25. Juni 2011, 12:58 Uhr

Steuersenkungen? Der Weg ist das Ziel

Warum verfolgt die schwarz-gelbe Regierungskoalition gegen allen Widerstand mit den Steuersenkungen ein Projekt, dessen Verwirklichung angesichts der Haushaltslage und der Mehrheitsmeinung des Bundesrates so gut wie aussichtslos ist? Warum pumpen CDU/CSU und FDP mit Ausnahme von Finanzminister Wolfgang Schäuble die Seifenblase immer weiter auf? Ist Schwarz-Gelb endgültig im realitätsfreien Raum des politischen Universums gelandet?

So einfach ist das nicht. Hinter der Steuersenkungsinitiative steckt politisches Kalkül. Für Schwarz-Gelb ist der Weg das Ziel. Ob Steuersenkungen kommen oder nicht, ist für Schwarz-Gelb nicht entscheidend, wichtiger ist der Weg dorthin.

Das erste Halbjahr 2011 war für die Regierung höchst unerfreulich. CDU/CSU und FDP waren Getriebene – von der Griechenland- und Euro-Krise, von Fukushima und der Atomdiskussion, von den Grünen. Keinen Tag bestimmten sie das politische Handeln. Sie wurden bestimmt. Getriebene aber sind unattraktiv für Wähler. Die Wähler erwarten, dass Regierungspolitiker selbst die Agenda formulieren und danach handeln. Deshalb jetzt die Steuersenkungsdebatte.

Die Koalitionäre wollen die Debattenhohheit, das Gesetz des Handelns zurückgewinnen. Sie wollen endlich einmal wieder die Agenda bestimmen, ein Thema vorgeben. Und natürlich die existenziell bedrohte FDP stabilisieren.Und weil ihnen kein neues Thema einfällt, weil die Kraft für neue große Projekte (im Bereich Bildung zum Beispiel) auf dem auszehrenden Marsch durch die Legislaturperiode verloren gegangen ist, müssen die Steuersenkungen wieder aus dem politischen Keller geholt werden.

Das Signal soll lauten: Wir sind noch da, wir wollen noch etwas, wir leben noch. Schreibt uns noch nicht ab.

Mit dem Thema Steuersenkung hofft Schwarz-Gelb, wieder die Meinungshoheit zurückzuerobern. Wir zahlen nicht nur für Europa und die Griechen, wir denken auch noch an unsere (deutschen) Wähler. Im Gegensatz zur Opposition, die den Bürgern nicht das geben will, was ihnen zusteht.

In dem Thema steckt viel Verhetzungspotenzial: wer grundsätzlich gegen Steuersenkungen ist, ist gegen die deutschen Wähler. Die Opposition denkt nur an die Ausländer – so könnten die fremdenfeindlichen Untertöne lauten. In den nächsten Wochen und Monaten werden möglicherweise populistische Töne die Debatte bestimmen, um die Opposition ins Unrecht zu setzen und selbst wieder Oberhand zu gewinnen.

Wäre das Vorhaben nicht so dilettantisch angefangen worden, dann hätte die Debatte schon heute auf Hochtouren laufen können. Weil aber die Koalitionsdilettanten die CDU-Ministerpräsidenten nicht eingeweiht hatten, kommt Widerstand aus den eigenen Reihen. Deshalb wird das erste Ziel sein, sie wieder einzufangen. Die nächste Stufe ist Zuckerbrot und Peitsche für die Opposition: das Zuckerbrot für die Länder mit einem höheren Mehrwertsteueranteil, die populistische Peitsche für die Bundestagsfraktionen. Das Ganze flankiert von den publizistischen Hilfstruppen.

Und wenn das alles erwartungsgemäß zu keinem Erfolg führt, weil Länder und Opposition nicht einknicken, dann hat die Regierung zumindest ein paar Wochen endlich wieder einmal die politische Deabatte bestimmt. Das gilt schon als Erfolgserlebnis. Und vielleicht kommen auch so ein paar Wählerstimmen um die Ecke. Die Steuerzahler und ihre Brieftasche spielen dabei keine Rolle. Darum geht es gar nicht. Der Weg ist das Ziel.

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Donnerstag, 23. Juni 2011, 11:46 Uhr

Die Steuer-Seifenblase

Weil sie keinen neuen Hit haben, legen sie die alte Platte wieder auf: zum gefühlt hundertsten Mal kündigt die schwarz-gelbe Koalition an, die Steuern zu senken. Die Prognose ist nicht gewagt : es wird auch diesmal nichts werden. Der Lieferservice Philipp Rösler wird nicht liefern. Auch nicht mit Angela Merkel als Steuerpizza-Botin.

Denn es gibt nichts auszuliefern. Im Bundesrat gibt es keine Mehrheit für Steuersenkungen. Auch drei CDU-Ministerpräsidenten machen nicht mit.

Der Bundesrat hat die Vernunft auf seiner Seite – und die Wähler. Sie sind schlauer, als die schwarz-gelben Strategen glauben. Sie wissen, dass die Haushaltskonsolidierung absoluten Vorrang haben muss, wenn Deutschland nicht den Weg Griechenlands gehen will. Und sie ahnen, dass die Griechenland-Hilfe für den deutschen Steuerzahler noch so teuer wird, dass kein Cent für Steuersenkungen übrig bleibt. Außerdem wird die Energiewende teurer als bisher geplant. Es gibt also nichts zu verteilen.

Auch das Gerede von der Konjunkturdividende ist wirklich nur dummes Gerede. Denn die Steuermehreinnahmen dank der guten Konjunktur öffnen keine finanziellen Spielräume. Sie senken lediglich die Neuverschuldung, die Staatsschulden steigen dennoch weiter. Steuersenkungen wären Wohltaten auf Pump.

Was bleibt, ist ein netter Versuch. Ein Versuch, der Vier-Prozent-Partei FDP wieder über fünf Prozent zu hieven. Ein Unterstützungsprogramm für notleidende Liberale. Und der Versuch, die Griechenland-Verweigerer in den Koalitionsfraktionen mit der Steuerrübe über die Bundestagsabstimmung zu locken.

Die aktuelle Diskussion wird wie eine Seifenblase zerplatzen. Die Steuersenkungen sind tot, bevor die Koalition sie offiziell beschließt.


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