Montag, 14. November 2016, 12:33 Uhr

Merkels Niederlage

Die Suche nach einem Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten endet für die Kanzlerin mit einer Niederlage. Weder ist es Angela Merkel gelungen, einen überparteilichen Kandidaten zu finden, noch konnte sie den aussichtsreichsten CDU-Politiker, Norbert Lammert, für eine Kandidatur gewinnen, noch einen anderen CDU- oder CSU-Kandidaten, der Chancen gehabt hätte, auch im dritten Wahlgang zu bestehen.

Für Merkel ist das rundum ein Desaster. Es schließt sich nahtlos an ihre früheren Bemühungen an. Erst setzte Horst Köhler gegen den Willen Edmund Stoibers durch, der Wolfgang Schäuble favorisiert hatte. Das Ergebnis: vorzeitiger Rücktritt. Dann entschied sie sich für Christian Wulff. Ergebnis: schmählicher Rücktritt. Und Joachim Gauck wurde nur deshalb gegen ihren Willen Bundespräsident, weil die FDP aus der Koaltionsräson ausgebrochen war.

Jetzt also der SPD-Mann Frank Walter Steinmeier. Es wurde Zeit, das unwürdige und schädliche Schauspiel zu beenden. “ Eine Entscheidung der Vernunft“, wie Merkel sagt.

Für Merkel ist das der Versuch einer Schadensbegrenzung. Wenn schon kein eigener Kandidat, was für das Selbstbewusstsein der CDU/CSU ein schwerer Schlag ist, dann wenigstens einer, der ein Signal für eine Fortsetzung der Großen Koalition ist. Aber auch darin könnte sich Merkel täuschen. Denn die Zeiten, in denen Bundespräsidenten Vorboten künftiger Koalitionen sind, gehören der Vergangenheit an.

Sigmar Gabriel kann frohlocken. Die Präsidentenkür ist seine bestandene Prüfung für die Kanzlerkandidatur. Seinen einzigen ernsthaften Rivalen, Martin Schulz, kann er mit dem Amt des Außenministers abfinden.

Der ehrenwerte Steinmeier wird sicher ein guter Bundespräsident. Kein Gauck, kein Weizsäcker, aber ein ordentlicher Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland. Ihm fehlt zwar die rhetorische Kraft seines Vorgängers, auch seine geistige Brillanz, aber einen Gauck hätte Deutschland so oder so nicht noch einmal bekommen.

Und für den Ausgang der Bundestagswahl hat die für Merkel missglückte Kandidatenkür nicht viel zu bedeuten. Außer einem: Bundespräsidenten kann sie nicht finden.

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Mittwoch, 10. Februar 2016, 14:44 Uhr

Seehofers Länderkunde

Kaum ist Horst Seehofer von seiner Reise zu Wladimir Putin zurück, entdeckt er einen Unrechtsstaat.

Es ist aber, so viel sei schon mal festgestellt, nicht Russland. Für dessen Politik zeigt er großes Verständnis. Russland sei ein Land mit dem man reden muss, das unter den westlichen Sanktionen leidet, die eigentlich – so Seehofer – noch nie etwas bewirkt haben.

Russland ist ein Land, in dem – im Gegensatz zu Deutschland – der Riesenstaatsmann Seehofer noch geschätzt und hofiert wird. „Sie haben eine Heldentat vollbracht“, schwärmte Moskaus Bürgermeister.

Es ist in Land, das ein anderes Land überfallen und einen Teil annektiert hat. Ein Land, das gerade mit seinen Bombenangriffen in Syrien zehntausende von Menschen in die Flucht treibt, die anschließend aber  verständlicherweise nicht nach Russland, sondern nach Deutschland wollen. Wo sie Seehofer aber nicht haben will.

Und ein Land, in dem die Staatsmacht die Gerichtsurteile diktiert, in dem die Opposition verfolgt und die Presse drangsaliert wird. Im klassischen Sinn also ein Unrechtsstaat.

Der Unrechtsstaat aber, den Seehofer entdeckt hat,  liegt im Herzen Europas, mitten in der EU. Es ist Deutschland, dem er die „Herrschaft des Unrechts“ unterstellt. Ein Land, in dem seine CSU der Regierung (noch) angehört, obwohl sie seiner Meinung nach den Unrechtsstaat durch ihre Politik geschaffen hat.

Ein Land, dessen Regierungschefin Seehofer keine „noble“ Haltung in der Flüchtlingsfrage attestiert, wie er sie Putin bescheinigt hat. Demselben Putin, der gerade mit seinen staatlichen Medien ein erfundene Vergewaltigungsgeschichte nutzt, um Russlanddeutsche gegen die deutsche Regierung aufzuhetzen.

Ein Land, in dem die Kanzlerin von Seehofer öffentlich geschulmeistert und gedemütigt wird, und nicht umarmt – wie Putin von Seehofers Vorvorgänger Edmund Stoiber.

Seehofer hat intern die Befürchtung geäußert, Angela Merkel wolle ein „anderes Land“. Welches aber ist sein Land? Jetzt wissen wir schon ein bisschen mehr. Das ist zum Fürchten.

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Mittwoch, 15. Oktober 2014, 13:01 Uhr

Merz und die Defizite der Kanzlerin

Die Diskussion um Friedrich Merz ist eine rein virtuelle, denn der ehemalige CDU/CSU-Fraktionschef wird nicht in die Politik zurückkehren. Er selbst hat immer gesagt, für ihn gebe es keine Rückkehr, solange „diese Dame“ (so nennt er Angela Merkel) regiere.

Zu sehr hat ihn verletzt, wie ihn Merkel mit Edmund Stoibers Hilfe 2002 aus der ersten Reihe entfernte. Ihn, der sich immer für besser als Merkel hielt und sich zum Bundeskanzler berufen fühlte.

Das heißt konkret: kein Comeback von Merz vor 2017 oder sogar 2021. Dann aber ist Merz 62 beziehungsweise 66 Jahre alt. Und bis dahin verblasst die Erinnerung an Merz immer mehr und eine neue Generation drängt nach vorne.

Dennoch ist die Diskussion in der CDU über Merz interessant für den Zustand der Partei. Denn Merz ist ein Gradmesser für die Defizite der CDU und eine Projektionsfläche für die Unzufriedenen.

Wer Merz zurückhaben will, sehnt sich nach glänzender Rhetorik, nach konservativer Klarheit, nach verloren gegangener Wirtschaftskompetenz, nach einfachen Lösungen (Bierdeckel-Steuer) in einer immer komplizierteren Welt. Kurzum – nach all dem, was der Kanzlerin fehlt und was sie nicht verkörpert.

Für diejenigen, die heute öffentlich nach Merz rufen, ist die Diskussion ein Ventil, um über die Bande Merkel ein bisschen zu kritisieren. Das kostet nicht, dazu gehört kein Mut vor Fürstenthronen, der ohnehin in der CDU immer schwach ausgeprägt war.

Und Merz kokettiert natürlich mit dieser Rolle. Gut verdienen und von Zeit zu Zeit eine Diskussion über seine Person auslösen. Das macht Spaß.

Alle paar Jahre lässt er sich herab, ein wenig durch die CDU zu irrlichtern, dann ist wieder Sendepause. So auch diesmal, als Merz sich bereit erklärte, in einer Parteikommission mitzudiskutieren. Ist der erste Hype wieder vorbei, kehrt in der CDU wieder Merkels grauer Alltag ein, der bei den Wählern allerdings sehr beliebt ist.

Gut, dass wir einmal darüber gesprochen haben.

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Freitag, 18. Oktober 2013, 12:01 Uhr

Ein furchtbarer Job

CSU-Generalsekretär, das ist ein furchtbarer Job, den man nicht haben möchte und den man auch keinem wünschen kann. Immer im aggressiven Erregungszustand, rumpöbeln, anderen vors Schienbein treten, das politische Klima vergiften, Koalitionsgespräche fast platzen lassen.

Was für ein Berufsbild. In dieser Form gibt es dies nur bei der CSU. Bei den anderen Parteien sind die Generalsekretäre zivilisierter, diskussionsfähiger.

Der Beruf CSU-Generalsekretär verändert Menschen bis zur Unkenntlichkeit, manchmal bis zur Kenntlichkeit. Beliebt wird man nicht, selbst bei vielen Mitgliedern der eigenen Partei, denen die Aggressivität zuwider und die Pöbeleien peinlich sind.

Die anschließende Wiedereingliederung in eine fair diskutierende politische Gesellschaft ist schwierig und dauert lange. So hing zum Beispiel Ex-CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber noch jahrelang das „blonde Fallbeil“ nach, als er schon längst ein geachteter und erfolgreicher Ministerpräsident war.

Oder Bayerns Finanzminister Markus Söder. Ihm haftet  immer noch der unangenehme politische Geruch des CSU-Generalssekretärs an.

Demnächst wird man wieder den Versuch der Resozialisierung eines solchen Generalsekretärs erleben: Alexander Dobrindt ist im Gespräch als Minister in einer großen Koalition. Dann wird sich zeigen, ob er durch das neue Amt entgiftet wird oder das Gift unversöhnlicher Polarisierung auch in das schwarz-rote Bündnis trägt.

Dieser Beitrag erschien heute im Rahmen meiner wöchtlichen Kolumne im „Berliner Kurier“.

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Donnerstag, 19. September 2013, 16:55 Uhr

Ja, ich wähle Merkel

Ja, ich werde es tun. Ich werde Angela Merkel am 22. September meine Stimme geben. Nur mit 51 Prozent Überzeugung – wie bei fast allen Wahlen der letzten Jahrzehnte, ausgenommen 1998 (Schröder) und 2002 (Stoiber). Wieder eine Entscheidung mit Bauchschmerzen. Aber, was soll ich machen? Wahlenthaltung ist keine Alternative.

Also Merkel – trotz allem. Trotz ihres Einschläferungswahlkampfes, trotz ihrer Unfähigkeit, einen Zukunftsentwurf zu formulieren. Langweilig, aber berechenbar. Vernunft ohne Glanz. Vertraut.

Lange habe ich mit mir gerungen, denn ich nehme mit meiner Entscheidung in Kauf, dass auch die FDP weiter mitregiert – eine entleerte Partei, die nicht nur mich maßlos enttäuscht hat und die mit ihrer Regierungspraxis und ihrem Spitzenpersonal keinen Tag überzeugen konnte.

Wenn es wieder zu Schwarz-Gelb käme, würde ich mich ärgern, aber was ist die Alternative zu Merkel, die auch ich häufig kritisiert habe? Peer Steinbrück und seine SPD etwa?

Als sich abzeichnete, dass Steinbrück Kanzlerkandidat wird, habe ich mich gefreut. Auf einen Politiker, der soziale Gerechtigkeit mit wirtschaftlicher Vernunft verbindet, auf einen Mann klarer Worte und eines klaren Kurses. Auf einen Wahlkampf, in dem es doch noch eine Alternative zu Merkel geben könnte.

Zu früh gefreut. Heraus kam ein Steinbrück, der weder mit seinem Auftreten noch mit seinem Kurs (welchem eigentlich?) überzeugen konnte.

Ein Mann, der von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen stolperte, der in den Wahlkampf schlitterte wie ein Amateur.

Ein Mann, der sich so weit nach links verbog, bis er nicht mehr kenntlich war.

Ein Mann, der das Gegenteil von dem sagt, was er früher erklärt hat, der seine Wirtschafts- und Finanzkompetenz an der SPD-Garderobe abgegeben hat.

Ein Mann, der seine Glaubwürdigkeit und Authentizität verloren hat.

Die Grünen etwa, die sich sklavisch im Wahlkampf an diese SPD ketteten?

Die mit dem wertkonservativen und moderaten Erfolgskurs von Winfried Kretschmann nichts mehr zu tun haben, die sich einen Überbietungswettbewerb mit SPD und Linkspartei um Steuererhöhungen liefern?

Die ihre Kernkompetenzen Umwelt, Natur und erneuerbare Energien ihren neuen linken Themen unterordnen?

Deren Spitzenpersonal immer so tut, als sei es im Besitz der höheren Wahrheit? Deren penetrant erhobener Zeigefinger nicht nur mir auf die Nerven geht? Deren Spitzenkandidat sich nicht mehr daran erinnern kann, dass er früher für eine Legalisierung von Sex mit Kindern eingetreten ist oder die Kinderschänder zumindest toleriert hat?

Nein, sie scheiden auch aus. Weitere Parteien tauchten im Ringen mit mir selbst nicht auf. Die FDP aus den genannten Gründen nicht, die AfD nicht, weil ich ihren Anti-Euro-Kurs für gefährlich halte und „Die Linke“ nicht, weil sie mir inhaltlich und personell völlig fremd ist.

Also Merkel. Das kleinste aller Übel. Hoffentlich als Kanzlerin einer großen Koalition.


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