Der Mann für die Talkshows

Besonders schwierig war im Bundestagswahlkampf 2002 die Zusammenarbeit mit dem damaligen CSU-Generalsekretär Thomas Goppel. Ihn interessierte nur sein eigenes Bild in den Medien, konkrete Arbeit scheute er eher. Ihm ging es nur darum, den Eindruck zu erwecken, er bestimme den Wahlkampf mit. Er war  illoyal, auch Edmud Stoiber gegenüber: jedes Geheimnis blieb nur so lange geheim, bis es Goppel erfuhr. So gelang es Stoiber zwar, meine Berufung zum Wahlkampfmanager bis zur Pressekonferenz unter der Decke zu halten, weil er Goppel zu dessen Ärger nicht vorab informierte. Die Berufung von Lothar Späth zum Kandidaten für ein Superministerium aus Wirtschaft und Arbeit blieb drei Monate das Geheimnis von Stoiber und mir, als Stoiber aber Goppel einweihte, stand es am nächsten Tag in der “Süddeutschen Zeitung”. Auch als in “Focus” und in “BILD” Meldungen über mein Honorar erschienen, gab es dafür nur drei mögliche Quellen: Stoiber, Spreng und Goppel.

Stoiber zog dann die Konsequenzen und berief Goppel aus der operativen Wahlkampfführung ab, die aus Laurenz Meyer, Goppel und mir bestand, und ersetzte ihn durch den vertrauenswürdigen Michael Höhenberger. Er begründete dies mit dem wunderbaren Satz “Thomas, ich brauche dich für die Talkshows”, was Goppel nur zu gerne glauben wollte.

Goppels merkwürdige Marotten konnte ich bei einem Besuch in der CSU-Zentrale erleben. Als ich das Haus verlassen wollte, stand Goppels Büroleiter in der Aufzugstür, um den Lift zu blockieren. Ich stieg ein und bedankte mich, der Büroleiter aber blieb weiter in der Tür stehen. Es war in der Nymphenburger Straße üblich, wenn der Generalsekretär das Haus verlassen wollte, den Aufzug so lange zu blockieren, bis Goppel endlich kam. Das konnte bis zu 10 Minuten dauern. In meinem Fall ging es dann schneller: ich durfte ausnahmsweise schon vor Goppel mit dem Aufzug fahren.

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Die geheimen Stoiber-Videos

Im Bundestagswahlkampf 2002 bereitete mein Team den CDU/CSU-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber intensiv auf seine Fernsehduelle mit Gerhard Schröder vor. Vor dem ersten Duell probten wir zwei Tage lang Argumente, Angriffe, das Schlußstatement und das Verhalten vor den Kameras. Ich machte dabei gelegentlich den Schröder. Wir hatten in der bayrischen Staatskanzlei ein Szenario mit zwei Pulten aufgebaut und filmten die Proben mit, um Stoiber hinterher Fehler demonstrieren zu können.

Die Video-Bänder waren natürlich heißes Material, das auf keinen Fall in fremde Hände fallen durfte. Deshalb ließ ich am Tag nach der Bundestagswahl die Bänder vernichten: ein Mitarbeiter steckte sie in einen Putzeimer, ging in die Tiefgarage des Berliner Adenauer-Hauses, in dem das Stoiber-Team sein Büro hatte, schüttete Domestos darüber und die Bänder verschmorten für immer.

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Dienstag, 31. März 2009, 18:03 Uhr

Warum Politiker und Bahn-Chefs stürzen

Politiker oder Unternehmensführer stürzen selten über einen Skandal oder eine Krise, fast immer stürzen sie über ihr katastrophales Krisenmagement. Diese Erkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Rücktritte – von den Ministern Werner Maihofer, Georg Leber und Walter Arendt während der Zeit der sozialiberalen Koalition über Gesundheitsministerin Andrea Fischer und Verteidigungsminister Rudolf Scharping während der rot-grünen Regierungszeit bis zum Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma und Bahn-Chef Hartmut Mehdorn.

In eine Krise kann jeder geraten, dann aber muss er den wirklichen Tauglichkeits- und Härtetest seiner Karriere bestehen, nämlich zeigen, wie er die Krise managt. Und da sind die Verhaltensmuster fast immer gleich: erst wird der Skandal geleugnet, dann wird er vernebelt, dann nur bruchstückhaft zugegeben und bagatellisiert, schließlich werden andere dafür verantwortlich gemacht, und am Ende fühlt sich der Betroffene von allen verfolgt – frei nach dem alten Witz: “Was heißt hier ein Geisterfahrer, tausende!”. Dann bleibt nur noch der Rücktritt. Mangelnde Einsicht in die eigenen Fehler gepaart mit der Rolle der verfolgten Unschuld und unbeherrschten Angriffen auf die Kritiker – so lautet das sichere Rezept, um sein Amt zu verlieren.

Dabei ist es im Grunde ganz einfach: Wenn die Krise, wenn der Skandal da ist, dann hilft nur totale Offenheit: völlige und schnelle Transparenz, alle Fakten auf den Tisch (Hosen runter!). Besserung und Beseitigung der Ursachen müssen nicht nur versprochen, sondern sofort umgesetzt werden. Und das Ganze nicht mit Überheblichkeit, sondern mit Demut, mit der Haltung: Ich habe verstanden. So hat Edmund Stoiber gehandelt, als er am Anfang seiner Amtszeit als Ministerpräsident in den Strudel der Strauß-Affären gerissen zu werden drohte – und rettete dadurch sein Amt. So hat vorbildlich das Unternehmen Shell in Deutschland reagiert, als die geplante Versenkung der Ölplattform Brent Spar zum Super-Gau zu werden drohte (“Wir haben verstanden”).

Und eine Fähigkeit ist heute unverzichtbar: Je mächtiger die Medien wurden und je komplexer die Medienszene ist, um so wichtiger ist es für einen Politiker oder Unternehmensführer, medientauglich zu sein. Wer mit den Medien nicht umgehen und sich nicht in ihre Interessenlage versetzen kann, der hat heute schon verloren. Und so ist der Rücktritt von Hartmut Mehdorn ein Musterbeispiel dafür, wie man sich – trotz unbestrittener Fähigkeiten – um seinen Job bringen kann.

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Merz & Merkel – so fing alles an

Warum sind Friedrich Merz und Angela Merkel von Parteifreunden zu erbitterten Feinden geworden? Auch in der CDU rätseln immer noch viele, wie es so weit kommen konnte, dass sich Friedrich Merz, eines der größten CDU-Talente, mit der Bundestagswahl 2009 aus der Politik völlig zurückzieht. Denn Merz und Merkel waren lange Zeit Verbündete – 1999 bei dem Sturz des Denkmals Helmut Kohl und Anfang 2000 bei dem Sturz Wolfgang Schäubles als Partei- und Fraktionschef, dessen Ämter sie unter sich aufteilten. Um das Zerwürfnis zu verstehen, hilft eine Schlüsselszene, die mir Angela Merkel 2002 erzählte:

Merz war gerade Fraktionschef geworden und fuhr zum Antrittsbesuch bei Edmund Stoiber nach München. Als er zurückkam, traf er Merkel und berichtete ihr in Hochstimmung, Stoiber habe keine Ambitionen, 2002 Kanzlerkandidat zu werden. “Das mache ich dann”, teilte er der überraschten Angela Merkel mit. Und er setzte dann, offenbar verblüfft über seine eigene Kühnheit, hinzu: “Aber Angela, was machst du dann?”. Merkel reagierte cool ( ”Mach` dir mal keine Sorgen”) und ließ es dabei bewenden.

Seit diesem Gespräch waren die beiden erbitterte Rivalen. Merkel wusste, dass für sie der Weg ins Kanzleramt nur über die Entmachtung von Merz führen wird. Deshalb war ihre zentrale Bedingung, als sie Anfang 2002 beim berühmten Wolfratshausener Frühstück Stoibers Kanzlerkandidatur zustimmte, dass sie nach der Bundestagswahl auch Fraktionsvorsitzende wird. Damit war das Schicksal von Merz besiegelt, denn Stoiber hielt sich an die Vereinbarung, schenkte Merz aber vor der Wahl nie reinen Wein ein. Der glaubte bis zuletzt, auch aus der für ihn typischen Überheblichkeit, er könne Fraktionsvorsitzender bleiben und fühlte sich beim Sechs-Augen-Gespräch am Wahlabend von Stoiber verraten.

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Stoiber und der Joint

Die gefährlichste Situation im Wahlkampf 2002 war keine politische, sondern ein Disco-Besuch. Ein Mitarbeiter im Stoiber-Team hatte die Idee, den Kontakt des Kanzlerkandidaten zur jüngeren Generation medienwirksam zu verbessern: ein Besuch Stoibers und anderer CDU/CSU-Spitzenpolitiker in der Berliner In-Disco “90 Grad”. Um unliebsame Überraschungen zu vermeiden, bestand die Hälfte der Besucher aus jungen Mitarbeitern der CDU/CSU, die andere Hälfte waren handverlesene Gäste des Disco-Betreibers.

Eingeschleust vom Starlet Ariane Sommer war aber auch Dr. Udo Brömme dabei, fiktiver Landestagsabgeordnter der Harald-Schmidt-Show. Sein Auftrag: Er sollte Stoiber vor laufenden Kameras einen Joint in die Hand drücken, den der Kanzlerkandidat in Unkenntnis, wie ein Joint aussieht, wahrscheinlich auch dankend angenommen hätte. Diese Bilder wären ein echter Wahlkampf-GAU gewesen. Zum Glück entdeckte ein Mitarbeiter Brömme vor Stoibers Eintreffen und ließ ihn aus der Disco werfen. Brömme wartete dann vor dem “90 Grad”, wo ich ihn unter Einsatz meiner 1,98 Meter abschirmte und ihm als Trost unsere “Drittstimmen” versprach. So konnte Stoibers Disco-Auftriit, ohnehin keine besonders gelungene Aktion, unfallfrei über die Bühne gehen und die gefährlichste Wahlkampfsituation entschärft werden.


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