Freitag, 15. Februar 2013, 12:34 Uhr

Wieviel Show darf in der Politik sein?

Politik kann und soll auch Spaß machen, aber sie ist kein Teil der Spaßgesellschaft. Es ist bemerkenswert, dass sich jetzt ausgerechnet der „ernste Mann für ernste Zeiten“ an die Spitze dieser Spaßgesellschaft gestellt hat.

Der Vorschlag Edmund Stoibers, Stefan Raab solle das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück moderieren, ist ein durchsichtiger PR-Gag der Sendergruppe ProSieben/Sat1, deren Beiratsvorsitzender Stoiber ist. Und er hat gezündet, weil die Medien und ein Teil der Politik darauf eingestiegen sind. Respekt vor dem Marketing-Mann Stoiber.

Dennoch ist es kein ernsthafter Vorschlag, Für ein paar jüngere Zuschauer mehr ist der Preis zu hoch, die wichtigste Informationsverstaltung des Wahlkampfes zur Show-Bühne eines Multi-Entertainers zu machen. Das TV-Duell ist eine ernsthafte Sache, keine Wok-WM. Und es wird zwischen Fragen auch nicht mit Fäusten geboxt.

Dass darüber überhaupt so intensiv diskutiert wird, zeigt nur, wie verunsichert und verwirrt viele Medien schon sind. Und welche Rolle politischer Journalismus bei ProSieben/Sat1 noch spielt. Politik nur nicht zu ernst nehmen, das Publikum könnte gelangweilt sein. Fachleute stören nur. Hauptsache Spaß.

Wenn Politik zur Show verkommt, dann heißt es häufig, das sei eine Amerikanisierung des Wahlkampfes. Das stimmt bei den TV-Duellen überhaupt nicht. Das sind in den USA hochkonzentrierte politische Sendungen ohne jeden Show-Effekt. Die besten sind die Duelle mit nur einem Moderatoren.

Daraus sollten die deutschen Wahlkämpfer und Medien lernen. Denn die Duelle 2005 und 2009 waren keine Sternstunden: Zwangsfernsehen von gleich vier Sendern mit vier Moderatoren. Das Schaulaufen der Moderatoren war am Ende fast wichtiger als die politische Auseinandersetzung.

Dies würde bei einer Teilnahme Raabs ins Unerträgliche gesteigert. Deshalb wäre es sinnvoll, das Duell nur bei ARD und ZDF zu übertragen, moderiert von nur zwei Spitzenjournalisten – zum Beispiel Maybrit Illner, Anne Will oder Frank Plasberg.

Die Privatsender sollten das tun, was sie sonst auch machen, wenn bei ARD und ZDF wichtige Informationsveranstaltungen laufen – mit Film und Show dagegenprogrammieren. Das Publikum hätte auch in diesem Fall die Wahl.

Junge Wähler gewinnt man nicht, indem man Show-Stars Politik moderieren lässt, sondern durch Politiker, die junge Menschen ernst nehmen,  die eine verständliche Sprache sprechen, die sich glaubwürdig mit den Themen und Problemen jüngerer Wähler auseinandersetzen. Und vielleicht bringt es etwas, wenn die öffentlich-rechtlichen Sender eine Parallelübertragung im Internet und den Digitalkanälen mit eingeblendeten Tweets ausprobieren.

P.S. Ich bin gespannt auf die Einschaltquoten von Stefan Raabs nächster Polit-Talkshow bei ProSieben. Vielleicht hat sich das Thema dann von selbst erledigt.

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Donnerstag, 31. Januar 2013, 17:28 Uhr

Duell ums Duell

Jetzt geht das Spielchen wieder los: Peer Steinbrück fordert zwei Fernsehduelle mit Angela Merkel. Sie lehnt wie 2005 und 2009 ab. Die SPD wirft ihr vor, sie kneife. Same procedure as every four years.

Natürlich würde sich Steinbrück gerne zweimal mit der Merkel duellieren. Denn die TV-Duelle mit Einschaltquoten wie WM-Spiele werten den Herausforderer auf. Er ist wenigstens für zwei Stunden auf Augenhöhe mit der Kanzlerin. Und genau deshalb lehnt Merkel ab.

Zwei Duelle gab es nur einmal: 2002, als sie erfunden wurden. Zur Verblüffung von Edmund Stoiber ging Gerhard Schröder auf zwei Termine ein. Und zum Schaden Stoibers: denn nach Stoibers respektablen Abschneiden im ersten Duell, für das sich der „Medien-Kanzler“ kaum vorbereitet hatte, zog Schröder beim zweiten Duell bestens präpariert und gecoacht in die Schlacht und siegte.

Und das war fatal, denn TV-Duelle können den zum Zeitpunkt  der Auseinandersetzung herrschenden Trend verstärken oder abschwächen. In diesem Fall verstärken. Denn Stoiber war durch die Flut im Osten und die Irak-Kampagne Schröders schon ins Hintertreffen geraten, so dass das zweite Duell den Abwärtstrend verstärkte.

Also kann Steinbrück möglicherweise froh sein, dass es nur zu einem Duell kommt. Denn er sollte Merkel nicht unterschätzen: in ihrer unaufgeregten, sachlichen Art ist sie vom Herausforderer kaum aus der Reserve zu locken. Und Steinbrück wiederum, der jetzt schon Ironie-Verbot hat, ist immer in Gefahr, durch eine flapsige Äußerung alles zu verspielen.

Deshalb gehe ich davon aus, dass es ein sehr sachliches, diszipliniertes, möglicherweise übercoachtes Duell wird, bei dem es am Ende nur noch um die Deutungshoheit darüber geht, wer mehr Arbeitsplätze und sozialen Ausgleich geschaffen hat, beziehungsweise mehr verspricht. Wenn es bis zu diesem Zeitpunkt keine Abwahl- und Wechselstimmung gibt, wird sie auch ein gut aufgelegter Steinbrück nicht herbeizwingen können.

P.S. Und bitte nicht wieder Zwangsfernsehen auf vier Kanälen mit vier Duell-Moderatoren. ARD und ZDF reichen völlig.

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Wie Kohl Russland teilte

Kandidaten für hohe Ämter haben es nicht leicht, wenn sie – zur Unterstreichung eigener Wichtigkeit und Kompetenz – vor Wahlen ins Ausland reisen. Ausländische Staatsmänner lassen sich ungern in nationale Wahlkämpfe hineinziehen. Das musste selbst Barack Obama erleben, als er vor dem Brandenburger Tor sprechen wollte und Angela Merkel dies verhinderte.

Auch Peer Steinbrück wird es erleben, wenn er sich beim heutigen Präsidenten Obama um einen Termin bemühen sollte. Wahrscheinlich verzichtet er deshalb darauf, um ein Gespräch nachzusuchen. Bei Edmund Stoiber hatte es zwar 2002 mit einem Kurztermin bei George Bush geklappt, genutzt hat es ihm allerdings wenig. Bush war für deutsche Wähler keine gute Adresse.

1975 nahm ich an einer solchen Reise mit dem damaligen CDU-Chef und absehbaren Kanzlerkandidaten Helmut Kohl in die Sowjetunion teil. Kreml-Chef Breschnew  wollte ihn nicht sehen, aber immerhin Ministerpräsident Kossygin. Und die Machthaber provozierten ihn erst einmal mit einem heftigen „Prawda“-Artikel gegen Franz-Josef Strauß, worauf der ganze Besuch vor Ort in Moskau ins Stocken geriet.

Kohl ließ sich aber seinen unbekümmerten Schneid nicht nehmen und erklärte dem Präsidenten der russischen Teilrepublik im breiten Pfälzisch das geteilte Deutschland. Er stellte sich vor eine Karte der Sowjetunion , teilte mit einer Handbewegung das Land und sagte: „Was würden Sie denn sagen, wenn ihr Land in der Mitte geteilt wäre?“.

Der Russe sagte verärgert nichts und die meisten mitreisenden Journalisten werteten Kohl Geste als Naivität eines außenpolitisch unerfahrenen Mannes.

Am Ende aber gehörte Kohl zu den Siegern der Geschichte.

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Dienstag, 02. Oktober 2012, 12:38 Uhr

Der kalte Kandidat?

Peer Steinbrück ist ein tough guy, ein harter Hund. Schnell im Kopf, hart im Austeilen, provokativ, polemisch, witzig, ironisch und selbstironisch. Einer nach dem Motto: lieber einen guten Freund verlieren als eine gute Pointe. Ein Typ, dem man gerne zuhört – Unterhaltungswert garantiert. Aber reicht das für Kanzler?

Gut, er ist auch sachkundig, kann regieren oder mitregieren, ist krisenerprobt, führungstark. Aber reicht das, um Kanzler zu werden?

Dafür müssen erst noch andere Fragen beantwortet werden: Ist Steinbrück auch mitfühlend? Hat er Herz? Ist er sympathisch? Oder ist er der kalte Kandidat?

Diese Fragen offenbaren seine Achillesferse. Denn schon einmal ist ein Kandidat gescheitert (Edmund Stoiber, ich kann da mitreden), der zwar als kompetent wahrgenommen wurde, aber nicht als sympathisch. Und das, obwohl Stoiber nachweislich mehr soziale Kompetenz besaß als sie jetzt bei Steinbrück wahrzunehmen ist. Dafür fehlten Stoiber aber Steinbrücks Rhetorik, Witz, Ironie und vor allem Selbstironie.

Wenn Steinbrück Kanzler werden will, muss er an seiner Persönlichkeit nacharbeiten oder bisher versteckte Seiten zeigen – wenn das nicht bei einem 65jährigen zu spät ist. Steinbrück muss „raus aus den Kaviaretagen, rein in die Leberkäsetagen“ (oder Currywurst-Etagen), wie es einmal Franz Josef Strauß  formulierte.

Bei Bankern, Versicherungsbossen, Sparkassenchefs hat Steinbrück genug gesessen und geredet. Er muss in die Jobcenter, Behindertenwerkstätten, Ausbildungsbetriebe, Sportvereine (nicht im Aufsichtsrat), Kleingartenvereine, Jugendzentren. Er muss dorthin, wo die Wähler leben und arbeiten, die am Ende die Wahl entscheiden. Fremdelt er da oder kann er das? Seine ersten TV-Auftritte nach seiner Nominierung verstärken die Bedenken.

Hat Steinbrück einmal öffentlich Hartz-IV-Empfängern, die nach einem langen Arbeitsleben in die Arbeitslosigkeit gerutscht sind, für ihre Lebensleistung gedankt? Hat er den Unternehmenschefs, die ihre Produktion mit Zeitarbeitern und Kettenverträgen verbilligen, einmal ins Gesicht gesagt, wie asozial ihr Verhalten ist? Hat er in Jobcentern einmal die Verzweiflung der Arbeitssuchenden und der Arbeitsvermittler erlebt? Hat er seiner Friseurin nicht nur ein Trinkgeld gegeben , sondern auch ihrer Chefin gesagt, dass sie von dem Hungerlohn keiner leben kann?

Akademisch hat er das eine oder andere sicher schon gesagt, aber mit echter Empathie? Weiß einer, der von der „driftenden Einkommens- und Vermögensentwicklung“ spricht, was die immer größere Kluft zwischen Arm und Reich real bedeutet?  Angela Merkel weiß das wahrscheinlich auch nicht. Aber sie ist schon Kanzlerin (wenn auch weniger aus eigenem Verdienst), sie ist den Wählern offenbar sympathisch in ihrer zurückgenommenen, uneitlen Art.

Steinbrück hat gesagt, er habe aus „Eitelkeit, Ehrgeiz und Bestätigung“ die Kanzlerkandidatur angestrebt. Das ist ehrlich und vielleicht selbstironisch. Aber es zeigt auch die Defizite. Und es kann ja wohl kaum die Überschrift über seine Kampagne und seine Botschaft sein. Er selbst reicht als Botschaft nicht aus.

Steinbrück braucht keine machiavellistischen Wahlkampfberater. Er braucht einen Empathie-Coach. Sonst scheitert er nicht nur an Merkel und den Umständen, sondern an sich selbst.

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Sonntag, 16. September 2012, 12:28 Uhr

Gabriels Agenda 2017

Sigmar Gabriel ist – bei allen Schwächen – ein cleverer Kerl. Das Rennen um die Kanzlerkandidatur der SPD für die Bundestagswahl 2013 hat er geschickt eingefädelt –  nicht unbedingt für die SPD, auf jeden Fall aber für seine eigene Karriereplanung. Denn, unabhängig davon, wie die Wahl ausgeht, er wird auf jeden Fall gewinnen. Gabriel ist der einzige Sieger der SPD, der heute schon feststeht.

Seit er vor mehr als einem Jahr die Troika Steinmeier/Steinbrück/Gabriel installierte und inszenierte, lässt er bewußt den Eindruck zu, dass er sich selbst auch zum Kreis der möglichen Kanzlerkandidaten zählt. So erhält er maximale öffentliche Aufmerksamkeit und behält die Fäden der Macht in der Hand. Ohne ihn und an ihm vorbei wird es keinen Kanzlerkandidaten geben. Kurt Beck grüßt aus dem Hintergrund.

Es hieße aber, Gabriels Cleverness zu unterschätzen, wenn man ihm unterstellt, er habe ernsthaft an eine eigene Kandidatur gedacht. Klug wie er ist, kennt er die alte Regel, dass nicht der Kanzlerkandidat gewählt, sondern der amtierende Kanzler abgewählt wird. Und für eine Abwahl Angela Merkels gab es vor einem Jahr kaum Anzeichen und heute erst recht nicht.

Gesucht wird also in Wirklichkeit ein Zählkandidat, der sich seine Niederlage abholen oder bestenfalls die SPD erneut in eine große Koalition führen darf. Beides ist nichts für Gabriel. Wie alle Spitzenpolitiker treibt auch ihn der Ehrgeiz, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden.

Und das geht für einen SPD-Kandidaten frühestens 2017, wenn die Deutschen Merkels überdrüssig werden,  und nicht schon 2013. Deshalb hat er auch schon frühzeitig ausgeschlossen, nach der Wahl ein Ministeramt anzunehmen.

Und, Angela Merkel hat`s vorgemacht, dafür muss man heute schon die Vorkehrungen treffen. Sie hatte beim berühmten Wolfratshausener Frühstück Edmund Stoiber für die Unterstützung seiner Kandidatur die Zusage abgetrotzt, sie – unabhängig vom Wahlausgang – dabei zu unterstützen, Fraktionsvorsitzende zu werden. Doppelchef – das ist die beste Voraussetzung für die Kanzlerkandidatur bei der dann folgenden Bundestagswahl.

Dafür muss Gabriel einen Kanzlerkandidaten auswählen, der den eigenen Ambitionen für 2017 nicht im Weg steht. Das wäre bei Peer Steinbrück am einfachsten. Er will Kanzler werden oder gar nichts. Fraktions- und Parteiämter reizen ihn nicht. Zudem könnte er ein Ergebnis einfahren, das wenigstens respektabel ist.

Mit Frank-Walter Steinmeier, dem heutigen Fraktionsvorsitzenden,  ist das etwas schwieriger. Mit ihm müsste er noch frühstücken. Gabriel müsste Steinmeier für die Kanzlerkandidatur die Zusage abringen, nach der Wahl 2013 auf den Fraktionsvorsitz zu verzichten. Würde Steinmeier Vizekanzler und Außenminister einer großen Koalition, wäre der Weg für Gabriel ohnehin frei.

Gabriel ist tatsächlich recht clever. Die Wahl 2013 hat er für seine Karriereplanung abgehakt. Jung genug ist er dafür. Er hat eine Agenda 2017.